Elternstammtisch
By claude | Oktober 4, 2008
Als ich in der fünften Klasse war, hatte ich für meine große Ode “Robinson Crusoe” nur Lacher, aber keinen Preis gewonnen. Der Anfang lautete “Robinson Crusoe liegt am Strand ohne Hose…” Den ersten Platz in unserer Klasse machte ein Gedicht mit vollendeteren Reimen, womit meine Klassenkameraden ihren Sinn für lyrische Harmonie bewiesen, jedoch keinen Sinn für “blumig statt Logik”, wie Jean Paul gesagt hätte. Nach dem Vortrag des Siegergedichts sagte der Lehrer übrigens: “Da hat wohl die Mama ein wenig mitgeholfen!?” Womit er richtig lag und wir fast beim Thema wären.
Es wird viel darüber diskutiert, warum viele Millionen Euro Geld in die Bezahlung von Nachhilfestunden fließen. Niemand scheint sich jedoch dafür zu interessieren, wieso viele Millionen Stunden Zeit in die Hausaufgabenbetreuung durch Eltern gesteckt werden. Es ist selbstverständlich.
“Wie habt ihr die Erdkundeaufgabe hinbekommen?”
Wird in die Runde des Elternstammtisches gefragt. Diese Börse für wichtige Hinweise zur Bearbeitung der Hausaufgaben ist für manche Eltern ein Muss. Für meine Frau und mich auch. Bei der Frage nach Erdkunde fällt keinem von uns ein, dass nicht die schülernden Kinder gefragt sind, sondern, die ihre schülernden Kinder fördernden Eltern. Ja? Wie habe ich die Erdkundeaufgabe hinbekommen…? Ich gerate ins Grübeln und die Erinnerung stellt sich schnell ein. Das war abends vor der Geigenstunde meiner Tochter…, sie nutzte die Wartzeit, um schon mal mit Erdkunde anzufangen…, ich konnte nur leicht dirigierend eingreifen, während sie die Bundesländer ausschnitt und versuchte, diese in ihr Heft klebend, zusammenzupuzzlen. “Wo hast du Mecklenburg-Vorpommern?” Fragte ich vorsichtig. “Wahrscheinlich verloren!” Antwortete sie unbekümmert. Auch das Saarland war unauffindbar. Berlin tauchte nur als Loch in Brandenburg auf. Von Hamburg und Bremen ganz zu schweigen. Ich hasse diesen wirren Föderalismus. Warum nicht ganz simpel: Nordland, Westland, Ostland, Südland? Fertig! Warum nicht nur die Hauptstädte: Hamburg, Köln, Berlin, München? Basta! Ich sah mich schon in einen Copyshop laufen und altes Papier aus einem Müllkarton suchen, das in etwa der vielfach reproduzierten Vorlage der fehlenden Bundesländer gleich kam. Ich hatte jedoch eine bessere Lösung, die ich stolz den anderen Eltern präsentierte: “Ich habe die fehlenden Länder einfach ins Heft gezeichnet!”
“Was hast du g e m a c h t?”
“Kennst du nicht die Erdkundelehrerin und ihre pingelige Art?” Oh Gott, ich sackte etwas in mich zusammen und beschloss an diesem Abend keine Hinweise mehr auf unsere Hausaufgabenanfertigung zu geben. So schnell lass ich mir nicht mehr in die Karten gucken. Selber schuld, das haben die davon. Etwas beleidigt ging ich noch mal unsere derzeitige Hausaufgabenverteilung durch… Eigentlich ist sie recht gut in Schuss gekommen… Ich habe vollständig Mathe übernommen, nachdem meine Frau im Selbstversuch angefangen hatte, Säulendiagramme mit Lego nachzubauen, um sie besser zu verstehen, bevor sie diese zu erklären versuchte. Dafür darf ich jetzt kein Englisch mehr, weil meine Frau der Meinung ist, mein “th” klinge, wie wenn der Franz seine “Sissy” ruft. Auch in Deutsch läuft es jetzt nach ein paar Ordnungsrufen meiner Frau “Schatz, nicht vor den Kindern!” besser. Jetzt sage ich beispielsweise: “Ich gehe gleich hinauf ins Fußballstadion zu einem Heimspiel von der Mannschaft von Mainz Null Fünf!” Bis ich das ausgesprochen habe, hat zwar der Schiedsrichter schon zum Pausentee gepfiffen, aber ich werde nicht mehr angeschnautzt, wie damals als ich noch kurz und knapp sagte: “Ich geh´ nuff zu de Nullfünfwee!” Das ist gestrichen von der Liste. Ich weiß, was mir die Bildung meiner Kinder wert ist, denke ich, während die anderen Eltern immer noch an Erdkunde dran sind.
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By claude | Oktober 4, 2008
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By claude | Oktober 3, 2008
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VERA 8 - Blues
By marius | September 25, 2008
Neulich nach einer so genannten Fortbildung zu VERA 8 brummte mein Kopf und ich verfiel am Abend in einen Fieberzustand, das Erlebte verdichtete sich zu einer Art Horrortrip. Das Gedächtnisprotokoll ergibt folgendes Kuddelmuddel.
Die Steuerungsgruppe flüstert noch im Irgendwo…Bildungsmonitoring baut sich auf und strahlt uns entgegen…Ausschau nach jungen Kolleginnen für mögliche Abenteuer im nächtlichen Aufgabenpool…Bewerben Sie sich bei unserem QI…Unterrichte, bis du zusammenbrichst und der Arzt dir einen Pilotdurchlauf vom Feinsten verpasst…sitze hier und warte auf dich, hoffend, bangend, gefangen in einer pädagogischen Serviceeinrichtung…Multiplikator bist du selbst, nun in den Fängen zunächst des Ministeriums, dann des Moderators, der Bericht erstatten wird aus der Moderatorengruppe, ohne Atempause mit kleinem Zeitfenster, der Referent, von Termin zu Termin sich abmühend vor diesem renitenten Lehrergesocks, das denkt er doch, oder?…Locker legte er los, jung und dynamisch, viertel Stunde später Schweißperlen auf der Stirn, zunehmend genervt von der Unruhe und dem Verdruss im Auditorium… Letzter Ausweg: Gruppenarbeit… schließlich am Ende blass wie ein Junkie, angefixt von all den Lernstandserhebungen, Hotlines, Internetplattformen, da hilft auch die kognitionspsychologische Fundierung nix, gar nix hilft die, verspricht das Blaue vom Himmel und hält nix, die zwölf Apostel der VERA werden den Lehrpersonen niemals vorgestellt, denn nur die Zwölf können richtige Aufgaben stellen, nämlich halboffen oder/und geschlossen, also Multiple Choice mit nur einer richtigen Antwort, nämlich valid, reliabel und objektiv, jetzt Letzteres im Sinne von: den Beurteileranteil auf Null reduzieren, in dem Moment die Lehrperson entsorgen, ja klar, muss sich keine Sorgen machen, all inclusive vorgedacht, nur noch schnell die Korrektur nach Kodieranweisungen im überschaubaren Zeitfenster erledigen und die Onlineeingabe bewältigen, das muss sie schon leisten, die Lehrkraft, dann zurück nach Landau…und schon geht die Kompetenzdefizitanalyse ihren Lauf.
Der Mensch - ein Kompetenzbeutel, zerschnitten in fokussierbare Einzelkompetenzen, Förderung an Stationen und in Binnendifferenzierung, kostet nix, Zeit genug, Sie schaffen das schon, auch ohne Korrekturtag…Jedenfalls ist das Starsteinchen gefallen, so lautet die Parole… Erschöpft faltet sich der Widerstand am Ende des langen Tages zusammen und zieht jammernd von dannen…Partikel rudimentärer diagnostischer Fähigkeiten und sich schnell verflüchtigender Förderideen schwirren umher und zerplatzen an dem soliden Gemäuer der didaktisch-wissenschaftlichen Messinstrumente, die kein Pardon geben…kein entspannter Abend am Pool…kein Schüler weit und breit…allein.
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Strunz, was bilden ein…
By claude | September 11, 2008
Lieber Jürgen,
gut gebrüllt Löwe, möchte man beinah sagen. Du hast natürlich recht: Eine Schulleitung soll offen und souverän mit Kritik umgehen können. Ach, wäre das schön, fast so schön wie die zivilisierenden Modelle der französischen Revolution, die du gerne zitierst. Wir wissen, die Guillotine war eine Erfindung des Humanismus. Nicht alles ist eben idealistisch lösbar auch bei Idealisten nicht. Ich halte mich da eher an den Realismus eines lutherischen oder wenn du so willst hobbesschen Menschenbildes. Der Mensch ist nicht gut, daher braucht es von Anfang an Leitungsfunktionen. Dann braucht man hinterher, wenn es mit Offenheit und Souveränität nicht klappt auch keine Palastrevolution oder einen Sturm im Wasserglas.
Wenn man sich an wirklich große Vorbilder hält, sollte man manchmal einfach feststellen: “Strunz, was bilden ein, Spieler spielen wie Flasche leer…” Ich gehe also auf deine Kritik ein und behaupte nicht mehr runter auf plus minus Null gerechnet: “Jeder hat seine Stärken und Schwächen!” Nein, Jürgen du hast recht, es gibt Lehrer und Schulleitungen “wie Flasche voll” und es gibt Lehrer und Schulleitungen “wie Flasche leer”.
Reden wir zunächst über “Flasche voll”: Ein französischer Automobil-Boss wurde einmal gefragt, warum sein Schreibtisch so leer sei. Er antwortete. “Mein Schreibtisch ist deshalb leer, weil jedes Dokument hier auf meinem Schreitisch ein Zeichen meines Misstrauens wäre. Mit allen Papieren, die nicht hier auf dem Schreibtisch liegen, arbeiten meine Leute.” So läuft Leitung von Leitern “wie Flasche voll”: Vertrauen, delegieren und zum Schluss, Ergebnisse kontrollieren. Wie sagst du Jürgen? Offen und souverän halt eben.
Was ist mit Lehrer (ich lasse jetzt mal die Schulleitung aus) “wie Flasche leer”? Jürgen Kaube schrieb mal in der FAZ, dass es zwei Formen der Unterrichtsstörung gibt, die einfache Störung, wie Schwätzen, aus dem Fenster gucken etc. und dann gibt es noch die zweite Störung, bei der der Lehrer und sein Unterricht Gegenstand der Beurteilung durch Schüler wird. Jürgen Kaube sagt, das erste Verhalten weicht von den Erwartungen der Schule ab, das zweite will von den Erwartungen der Schule abweichen. Strunz, was will sagen? Oder, was meinst du Jürgen, sollen die Schüler “Lehrer wie Flasche leer” ins Altglas werfen oder sich gar noch eine neue Pfandflasche mit Rückgabegarantie besorgen dürfen? Strunz, was bilden ein? Ich sage: Das dürfen die Schüler nicht, weil es nunmal auch schlechte Lehrer gibt, bzw. die Beurteilung über die Güte des Unterrichts so unterschiedlich ausfällt, dass nie mehr auch nur noch eine anständige Unterrichtsstunde ob all der Diskussionen mit unseren Schülern stattfinden würde, es sei denn vielleicht, die Lehrer hießen, Jürgen, Marius oder Claude.
Genauso halte ich es auch mit den Schulleitungen, egal ob “wie Flasche voll”, “wie Flasche leer” oder “wie Flasche halb voll oder leer”, wir brauchen sie, manchmal müssen wir leider mit ihr leben, wenn sie unsicher und ängstlich ist, manchmal dürfen wir glücklicherweise mit ihr zusammenarbeiten, wenn sie offen und souverän ist, aber niemals hoffe ich, dass ein Kollegium bestimmen darf, wer Schulleitung spielen darf, dann gäbe es erst richtig Mord und Todschlag, ach nein, zivilisiert gedacht, die Guillotine.
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… den bestraft das Schulleben
By Juergen | September 9, 2008
Lieber Claude!
Dein Beitrag reizt mich, den advocatus diaboli zu spielen und ein wenig zu polemisieren - ich hoffe, ich darf das nach einem kräftezehrenden Schultag, sozusagen als Stressabbau. Du diagnostizierst einen geradezu jakobinischen Meinungsterror, der den Frust auf “die da oben” schüre, gehst aber nicht darauf ein, ob die Kritiker, die die Schreckensherrschaft im Lehrerzimmer ausüben, inhaltlich richtig oder falsch liegen. Dein Schlussabsatz relativiert letztlich alles: Jeder tut Gutes wie Schlechtes, und dabei unterscheiden wir uns nicht, so das Credo. Gewiss, auch Marie-Antoinette, die Frau Ludwigs XVI. von Frankreich, konnte charmant sein und hatte ihre Reize - aber wiegt das ihre Verschwendungssucht und den miesen Charakter auf, der sich in Ratschlägen an die hungernde Bevölkerung à la “Wenn das Volk kein Brot hat, soll es Kuchen essen” äußerte? Kann man alles auf plus/minus Null herunterrechnen nach dem Motto: “Jeder hat seine Stärken und Schwächen”, also: Was soll’s?
Mit dem Vorwurf der verdeckten und damit bequemen Anklage hast Du sicher nicht ganz unrecht. Ich denke aber, es gibt auch eine Alternative zum “Meckern, wenn die Betroffenen nicht anwesend sind”. Sie wird mitunter auch praktiziert: Vorgesetzte direkt kritisieren. Dumm nur, wenn diese Form der Offenheit von den Betroffenen nicht goutiert, sondern mit Drohgebärden beantwortet wird. Man kann eben eine Kultur der offenen Debatte pflegen oder verhindern. Erstere ist oft ein Indikator für souveränen Führungsstil, deren Verhinderung für Unsicherheit und Angst. Führungspersönlichkeiten sollten in der Lage sein, angemessene Kommunikationsformen zu kultivieren, statt sich der Perfektionierung von Kontrollmechanismen zu verschreiben.
Wer dies als Schulleiter zu spät erkennt, den bestraft das Schulleben. Bleibt zu hoffen, dass die weisen Lenker der Schule nicht so autistisch veranlagt sind wie seinerzeit die Herren des Politbüros. Wie gab einer der Ihren in herrlicher Naivität im Einparteienparlament zum Besten - als die DDR am Ende war, bevor es ihre Führer so richtig merkten: “Ich liebe euch doch alle!” Es gab Gelächter.
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Was ist Opportunismus?
By claude | September 7, 2008
Jürgen hat in seinem vorletzten Beitrag geschildert, wie die Machtmechanismen in der Schule funktionieren. Dabei spielen auch die Kollegen eine wichtige Rolle, die sich zu Hilfsorganen der Schulleitung machen (lassen). Man kann das sehr treffend als Opportunismus bezeichnen.
Mir geht im Moment bei uns im Lehrerzimmer jedoch viel mehr eine andere Art von Oppurtunismus auf den Senkel. Es gibt scheinbar nur noch ein Thema: Was hat die Schulleitung wieder angestellt? Alle schimpfen wie die Rohrspatzen und sind sich einig in ihren Urteilen. Warum sind sie sich einig? Auch aus Oppurtunismus vielleicht? Darf man in dieser Runde denn etwas anderes sagen, als dem vernichtenden Konsens zuzustimmen? Sind nicht die lautesten Schimpfer, die sich über Karrieristen lustig machen, gerade die, die sich ihren Oberstudienratstitel vor Gericht erstritten und sich nun auf Studiendirektorenstellen beworben haben? Was heißt da, Rückgrat haben? Heißt das etwa, mit den Kollegen am Lehrer(stamm)tisch ins selbe Horn zu blasen? Heißt Rückgrat haben, immer dann auf die Schulleitung zu schimpfen, wenn keiner von ihr im Lehrerzimmer ist? Wie nannte man das 1968 gleich noch? Ach, ja, repressive Toleranz! Aber die wird ja bekannter Weise nur von den Herrschenden ausgeübt. Die Kollegen am Lehrertisch wissen diesen Begriff trefflich auf “die da oben” anzuwenden, angewendet auf ihren eigenen Diskurs hat dieser Begriff keine Berechtigung. Da wäre wohl auch zuviel Selbstansicht verlangt.
Ich sehe die Sache so: Die Schulleitung soll die Schule leiten und leitet sie, mal schlechter, mal besser. Da passieren manchmal unerfreuliche und manchmal erfreuliche Dinge… Die Lehrer sollen ihren Unterricht leiten und leiten ihn, mal schlechter, mal besser. Im Unterricht passieren manchmal unerfreuliche und manchmal erfreuliche Dinge… Das ist alles. Ach, stimmt ja, man kann, wenn es im Unterricht schlecht läuft auch schimpfen: auf die Schüler. Hauptsache, man ist selbst fehlerlos. Manchmal halt ich mich lieber ans Gesangbuch als an die lieben Kollegen: “Es gilt ein frei Geständnis in dieser unserer Zeit, ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit…”
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Sachkunde?
By claude | September 7, 2008
Meine Tochter hat in Sachkunde eine Ich-Mappe erstellt. Sehr gut gelungen. Komisch nur, dass so etwas in Sachkunde gemacht wird. Ist das nun die letzte Bastion für Persönlichkeitsbildung? Robert Spaemann, der genau den Unterschied von etwas und jemand markiert haben möchte, hätte daran jedenfalls nicht seine Freude.
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Die Fenster zum Hof
By Juergen | August 28, 2008
Es gibt Institutionen wie Regierungen, denen es in erster Linie um die Wiederwahl geht. Es gibt Institutionen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC), denen es hauptsächlich um die Vermarktung geht. Es gibt Institute wie die Banken, denen es um den größtmöglichen Profit geht. Und es gibt Institutionen wie die Schule, in der es zunehmend um Formales geht. Konferenzen drehen sich meist um Organisatorisches, Formales, um Kritik am Nichtfunktionieren. Inhaltliches spielt eine Nebenrolle. Auch die Tätigkeiten des Lehrers sind weit davon entfernt, sich hauptsächlich der Wissensvermittlung zu widmen. Ein Beispiel aus einem Oberstufenkurs mag dies belegen.
Die Stunde beginnt damit, dass eine erkleckliche Anzahl von Schülern nach vorne strömt, weil ich die Fehlzettel, von denen keiner so genau sagen kann, wozu sie dienen, unterschreiben soll. Dort stehen dann so aussagefähige Gründe für die Abweseheit wie “Krankheit”, oft vom Schüler selbst diagnostiziert, und meine Aufgabe ist es nun, dies amtlich zu bestätigen und in meinem Kursbuch, sozusagen in doppelter Buchführung, zu vermerken. Ich erkundige mich spaßeshalber nach der Art der Krankheit und empfehle je nach Schwere Kuren auf der Basis des gesunden Menschenverstandes. Danach stelle ich die aktuelle Abwesenheit bestimmter Schüler fest und protokolliere dies artig in meinem Kursbuch. Alle paar Tage soll ich zudem Berge an Informationsmaterial zur Berufswahl usw. an den Mann bringen, das nach der Stunde zum großen Teil im Papierkorb wiederzufinden ist. Auch Informationen zum Abitur, zu Studienfahrten, zu AGs und Mainzer Allerlei gilt es zu verteilen oder Formulare wieder einzusammeln. Sodann beginnt der Unterricht, der rechtzeitig vor dem offiziellen Ende der Stunde abgebrochen werden muss, damit alles seinen geregelten Gang geht: Schmutz ist ein Problem, dem sich der Lehrer zuzuwenden hat, denn die Zöglinge aus Haushalten, in denen Putzfrauen den Dreck entsorgen, lassen alles fallen, von der Pfandflasche bis zu Brotresten, von Taschentüchern bis zu Liebesbriefen. Grundreinigung ist angesagt, danach das Schließen der Fenster und das Hochstellen der Stühle, um einen Putzfrauenstreik abzuwenden. Auch das kostet Zeit. Im Fußball misst man die Nettospielzeit. Würde man das in der Schule auch einmal praktizieren, so kämen Werte heraus, die, hielte man sich strikt an die Vorgaben von oben, bei kaum mehr als 30 Minuten lägen.
Doch ein Hoffnungsschimmer bleibt: die Subversion. Auf die Gefahr hin, eine Fehlstunde zu übersehen, erfolgt ein Panoramablick über den Kurs, statt die Namensliste durchzugehen. Manches Werbematerial, dessen Nutzen ohnehin in Zweifel steht und zudem oft von dubiosen Wirtschaftsverbänden stammt, wird unauffällig ins Altpapier entsorgt, wenn man es gehortet und irgendwann vergessen hat. Niemand hat es je vermisst. Man munkelt, dass sich Kollegen mittlerweile ein kräftiges Zubrot damit verdienen, selbst den Müll in den Klassen zu trennen und die dabei anfallenden Pfandflaschen und Wertsachen versilbern; der Mann am Rückgabeautomat mit dem Sack voller Leergut muss also nicht unbedingt ein Penner, sondern könnte genausogut ein Oberstudienrat im Außendienst sein. Die 0,5-prozentige Lohnerhöhung treibt unsereinen ohnehin über kurz oder lang ins Prekariat.
Bleibt also die Problematik der im Sommer weit geöffneten Fenster. Nicht nur, dass sie Fluglärm, Glockengeläut, Pausenhofgeschrei und viele Laute mehr magisch anzuziehen scheinen; nach der Stunde mag sie niemand schließen. Gerade im dritten Stock ist die Gefahr, dass Einbrecher über den Innenhof mit einer langen Leiter einsteigen, um in Klassenräumen altes Mobiliar oder Kreidereste zu stehlen, immens hoch. So begegnete mir ein aufgelöster Kollege vor Beginn der 8. Stunde und bat mich um einen Gefallen: Er habe vergessen, die Fenster im dritten Stock zu schließen - ob ich ihm nicht aus dieser misslichen Lage befreien könne, da ich doch gleich im Gebäude sei. Ich versprach schnelle und unbürokratische Hilfe. Andernfalls zeichneten sich bereits ernsthafte Gespräche mit der Schulleitung, im Wiederholungsfall bestimmt Abmahnungen oder zumindest hässliche Vermerke in der Personalakte - “X. stört den reibungslosen Ablauf des Schulalltags, Fenster wiederholt nicht verschlossen” - ab.
Nach meiner eigenen Stunde ertappte ich mich schließlich wieder einmal dabei, wie zwei Drittel der Schüler aus dem Raum gegangen waren, ohne die Stühle hochzustellen, die Fenster zum Hof waren sperrangelweit geöffnet. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken der Totalverweigerung: Stühle unten lassen, Fenster offen - ist dies nicht ein Beleg dafür, dass man sich auf Inhalte und damit das Wesentliche konzentriert: den Unterricht? Diesen würdigt niemand. Er interessiert auch die Schulleitung nicht, es sei denn, sie ist für eine Dienstliche Beurteilung dazu gezwungen. Man interessiert sich allerdings akribisch für Pausenaufsichten, Bereitschaftsstunden, Kursbücher, Notenlisten, Umläufe, Sauberkeit des Linoleumbodens, die Pausenhofgestaltung, die Pressemappe, eine Treppe, Fünfjahrespläne und Dienstbesprechungen, letztere, um all dies an den Kollegen und die Kollegin zu bringen. Dabei ist nicht zu verhehlen, dass gerade die akribische Einhaltung von Formalitäten und Regeln - Schüler werden konsequent und massiv am Betreten der Flure in den Pausen gehindert, Verfehlungen unnachsichtig verfolgt, Klassenräume klinisch grundgereinigt - eine weibliche Stärke zu sein scheint.
Ich als Mann hatte aber hier nun wieder einmal den Salat: Der Klassenraum war in Unordnung. Trotz meiner subversiven Gedanken bat ich die vier noch anwesenden Schüler, mir zu helfen, die Stühle hochzustellen, und schloss eigenhändig die Fenster. Ich war ein guter Beamter. Dafür werde ich bezahlt. Genauso wie für guten oder schlechten Unterricht.
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Wer nicht streitet, schimpft!
By claude | August 18, 2008
Das bleibt jetzt aber unter uns, weil … ich habe mich noch nicht getraut, das mit dem entsprechenden Kollegen zu besprechen. Ich unterrichte auch Ethik. Da steht man manchmal mit den Relikollegen schon in Konkurrenz um die Gunst der Schüler, obwohl ich mich mit den Relikollegen oft besser verstehe, als mit meinen Ethik-Fachkollegen. Nun gut. Letztens traf ich eine verschämte Oberstufenschülerin nach dem Unterricht auf dem Gang. Die Begegnung hatte für sie den kleinen Schönheitsfehler, dass sie zuvor bei mir gefehlt hatte. Sie stammelte: “Entschuldigen Sie bitte, Herr Claude (Claude ist nämlich mein Nachname!), ich habe mir heute mal den Reli-Unterricht angeschaut, weil ich gucken wollte, ob ich vielleicht wechsle.”
Ich ärgerte mich: 1. Sie hatte mich nicht vorher informiert. 2. Mein Kollege hatte mich nicht gefragt, ob das in Ordnung geht. Es geht nämlich nicht in Ordnung, dass sich die Schüler den Unterricht anderer Kollegen anschauen, um dann zu überlegen, wo der interessanteste Unterricht gehalten oder die meisten Punkte verteilt werden. Ich war sofort geneigt bei ein paar anderen Kollegen an unserem Tisch zu schimpfen. Stellt dir mal vor, wie unkollegial…, was meinst denn du dazu,… das geht doch nicht,… wo kämen wir denn dahin,… usw. usf.
Ich schimpfte jedoch nicht, weil ich plötzlich dachte: Du willst doch nur schimpfen, weil du Angst hast mit dem Kollegen vielleicht einen Streit zu bekommen, was du nicht willst, weil du ihn magst und du deswegen gehemmt bist.
Diese Selbsterfahrung finde ich sehr interessant, weil ich daraus die Schlussfolgerung zog: Wer schimpft, vermeidet Streit. Das werde ich künftig versuchen abzustellen. Morgen spreche ich mit dem Kollegen. Versprochen!
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Trost für Jürgen
By claude | Juli 23, 2008
Lieber Jürgen,
du beschreibst das Phänomen “Macher” sehr treffend. Aber vielleicht gibt es ein wenig Trost, wenn auch keine Hoffnung.
Meine Lieblingsanekdote aus der Geschichte stammt von König Friedrich-Wilhelm IV. Als 1848 Revolutionäre durch den königlichen Schlossgarten zogen, fragte er seinen Hofmarschall: “Dürfen die das?” Das Beispiel zeigt eindeutig, wie wenig die “Macher” manchmal Einblick in ihre eigenen Möglichkeiten haben. Ist es kein Trost, wenn Leitungen so schlecht beraten sind, dass sie ihre Berater anbetracht auf Tischen tanzender Lehrer fragen müssten: “Dürfen die das?”? Und stell dir mal vor sie sagten: “Das dürft ihr nicht!” Da kommt dann fast schon Hoffnung auf, wenn wir uns ein tanzendes Kollegium vorstellen, oder? Sind Schulleitungen nicht genauso hilflos, wie wir Lehrer mit unseren Schülern?
Noch etwas habe ich Dir zum Trost herausgesucht. Vielleicht kennst du das schon. Das Peter-Prinzip. Laurence J. Peter versteht sich als Begründer der Wissenschaft der Hierarchologie. Ich zitiere aus den Urgründen seines Forschungsgegenstandes:
“Als kleiner Junge hörte ich, dass hochgestellte Persönlichkeiten stets genau wissen, was sie tun. “Peter”, sagte man mir, “je mehr du weißt, um so mehr erreichst du.” Also blieb ich auf der Schule bis zum College-Examen, und als ich ins Berufsleben trat, klammerte ich mich krampfhaft an jene Vorstellung und meine frische Lehrbefugnis. Während meines ersten Unterrichtsjahres regte ich mich darüber auf, dass eine Anzahl Lehrer, Schuldirektoren, Schulräte und Oberschulräte keine Ahnung von ihren beruflichen Pflichten zu haben schienen und sich als unfähig erwiesen, ihre Aufgaben zu erfüllen. So war es beispielsweise die Hauptsorge meines Direktors, dass alle Sonnenblumen an den Fenstern in gleicher Höhe waren,…”
Aus all seinen Beobachtung zum Thema “Hierarchie” leitet Peter sein universales Prinzip ab: “Viele … kommen sicherlich in den Genuss von ein oder zwei Beförderungen und steigen dabei von einer Kompetenzstufe zu einer höheren auf. Die Fähigkeit in der neuen Position qualifiziert … für einen weiteren Aufstieg. Doch bei jedem Individuum, für Sie genauso wie für mich, bedeutet die allerletzte Beförderung den Wechsel von der Stufe der Fähigkeit zu einer Stufe der Unfähigkeit. Genügend Zeit und genügend Rangstufen vorausgesetzt, steigt jeder Beschäftigte bis zu seiner Stufe der Inkompetenz auf und verharrt dort. Nach einer gewissen Zeit wird jede Position von einem Mitarbeiter besetzt, der unfähig ist, seine Aufgabe zu erfüllen.”
Ach, ich weiß nicht, vielleicht ist das Peter-Prinzip auch kein Trost, Hoffnungslosigkeit drückt es allemal aus. Sind wir selbst in der Lage und haben den Mut auf der Stufe der Fähigkeit zu bleiben, ohne nach oben zu schielen. Es scheint schon ausweglos…
Liebe Grüße von deinem Claude
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Die Macher
By Juergen | Juni 19, 2008
Es sind die Menschen, die das ganz große Rad drehen. Sie sind von sich und ihren Fähigkeiten überzeugt. Keine schlimme Eigenschaft, die aber dann gefährlich wird, wenn sie keinen erkennbaren Grund hat. Doch dies ficht diese Menschen nicht an. Sie sind zu Höherem berufen, und das wollen sie auch zeigen. Schon im Kindergarten werden sie anderen das Spielzeug nicht nur weggenommen haben, sondern waren auch noch stolz darauf. In der Schule waren es die eifrigen Lerner, die in der Schülervertretung saßen, weil es sich im Lebenslauf und bei der Bewerbung um ein Stipendium gut liest. Man hat schon hier zielsicher unter dem Etikett “Interessenvertretung” zuallererst und exklusiv die eigenen Interessen vertreten. Man hat Lehrer nach der Stunde in Gespräche verwickelt, um auch ganz sicher in der Gunst der Mächtigen zu stehen. Und es hat oft funktioniert. Im Studium haben sie zielstrebig auf das Prädikatsexamen hingesteuert, während ihre dummen Kommilitonen das studentische Dolce Vita genossen. Im Referendariat sekundierten jene Menschen ihren Ausbildern, machten alle anderen vor Lehrproben mit hysterischen, gleichwohl gespielten Versagensängsten verrückt, um danach die insgeheim immer anvisierte Traumnote nicht minder hysterisch zu bejubeln. Man bekam natürlich sofort eine Stelle, da man immer fleißig, zielstrebig und anpassungsfähig war. Auch als Lehrer begann man den Dienst, nicht ohne das Augenmerk auf zukunftsträchtige Sonderaufgaben zu richten. Die erste Gelegenheit zur Beförderung nutzte man, und wer wollte solch strebsamen Menschen den Aufstieg verwehren. Irgendwann gelangten diese Menschen ganz nach oben - zumindest bezogen auf den Mikrokosmos mit dem Namen Schule. Als Leiter oder Leiterin einer Schule war man am Ziel der Träume angelangt, um entsetzt festzustellen, dass es Menschen gibt, die nicht mitspielten bei der Selbstinszenierung der Macher: kritische Schüler, anspruchsvolle Eltern und Lehrer, die eigene Ideen haben und die Illusion hegen, diese auch umsetzen zu können. Was ist nun zu tun angesichts dieser feindseligen Welt, die das Lebenswerk des Machers/der Macherin bedroht? Man erinnert sich an absolutistische Herrschaftssicherung:
1) Man schafft sich einen Zirkel treu ergebener Höflinge, die Zugang zum Monarchen haben und dafür mit Gratifikationen aller Art belohnt werden.
2) Man etabliert ein Netz von Informanten, die alle subversiven Aktionen der Untergebenen aufspüren, um diese sodann wirksam unterbinden zu können.
3) Man zentralisiert den Machtapparat mit dem Fürsten als Gesetzgeber, oberstem Richter, Heerführer, freilich durch das Gottesgnadentum legitimiert: Über allem thront der Monarch, der sich in der Sonnensymbolik wiedererkennt.
4) Versuchter Königsmord wird exemplarisch mit der Vierteilung bestraft, als warnendes Beispiel für andere.
5) Alle öffentlichen Verlautbarungen werden überwacht und müssen vorher von dem Monarchen autorisiert werden.
6) Treu ergebene Untertanen werden in den Adelsstand erhoben und dürfen an der Tafel des Monarchen Platz nehmen.
Ein Direktor, der dieses System auf die Schule überträgt, verwendet nun immer mehr Zeit auf die Herrschaftssicherung, weil er sich umzingelt wähnt von missgünstigen Feinden. Auch die Abwesenheit bei einer Dienstbesprechung könnte ja bereits die Vorstufe zu ausgreifendem Ungehorsam sein und muss im Keim erstickt werden. Die Presse lauert und wartet nur auf ein Missgeschick. Passiert dies, ist Totschweigen oberstes Gebot. Auch die Überbringer schlechter Nachrichten sollten sich in Acht nehmen. Ein Macher ist einsam. Er arbeitet mehr als alle anderen, aber es wird ihm selten gedankt. Kritik an irgendeiner schulischen Angelegenheit ist persönliche Kritik am Macher, da er für alles verantwortlich zeichnet. Wie gut, dass es da noch die Möglichkeiten gibt, sich in Reden und schriftlichen Verlautbarungen ans Volk zu wenden, dem man die trefflichen Entscheidungen erklärt, damit es ihre Richtigkeit einsieht. In diesem System dient dem Volk, was dem Herrscher dient.
So steht der Macher oder - in jüngster Zeit auch immer öfter die Macherin - auf dem Feldherrenhügel des Direktorats und wähnt sich in einer Zeit, in der die Welt für die wirklich großen Lichtgestalten noch in Ordnung war. Und so probiert man erst ganz still und heimlich, dann immer unverhohlener, zu einer Zeit zurückzukehren, in der es hieß: “L’état, c’est moi!” Welch Glück für unsere zivilen Sonnenkönige und -königinnen, dass sich die Geschichte, die darauf folgte, nicht wiederholt. Oder doch?
P.S.: Bevor Sie sich erschrecken - diese Gegenwartsutopie ist frei erfunden, gewisse Ähnlichkeiten mit lebenden Macherinnen oder Machern rein zufällig. Falls Sie jedoch einen Vertreter dieser Spezies kennen - schreiben Sie!
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Ich freue mich
By claude | Juni 14, 2008
Bald ist sie vorbei die kindergartenabschlussschulsuchanmeldungsgeigenvorspielsommerfestvor
bereitungsaufnahmefeierabschlussgottesdienstklassenfahrtzeugniskonferenznoteneintragungs
nachnotenlehrlaufzkeinelustmehrhabenrumhängendedeklassenundgenervtekollegeninurlaubs
reifezeit.Ich freue mich.
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Was ist Macht? Eine Frage nur für Lehrerinnen und Lehrer?
By claude | Mai 22, 2008
Byung-Chul Han hat ein gutes Büchlein geschrieben: Was ist Macht? (Reclam, Stuttgart 2005) Ich zitiere relativ unkommentiert:
“Das Geschehen der Macht erschöpft sich nicht in dem Versuch, Widerstand zu brechen oder Gehorsam zu erzwingen. Die Macht muss nicht die Form eines Zwanges annehmen. Dass sich überhaupt ein gegenläufiger Wille bildet und dem Machthaber entgegenschlägt, zeugt gerade von der Schwäche seiner Macht. Je mächtiger die Macht ist, desto stiller wirkt sie. Wo sie eigens auf sich hinweisen muss, ist sie bereits geschwächt.” (9)
“Die Macht als Zwang besteht darin, eigene Entscheidungen gegen den Willen des anderen durchzusetzen. So weist sie einen geringen Vermittlungsgrad auf. … Mehr Vermittlung enthält dagegen jene Macht, die nicht gegen den Handlungsentwurf des anderen, sondern aus ihm heraus wirkt. Eine höhere Macht ist nämlich die, die die Zukunft des Anderen bildet, und nicht die, die sie blockiert. …Ohne jede Gewaltausübung nimmt der Machthaber Platz in der Seele des Anderen.” (11)
“Je mehr Macht ein Machthaber hat, desto mehr ist er etwa auf die Beratung und Mitarbeit der Untergebenen angewiesen. Er kann zwar viel befehlen. Aber aufgrund der wachsenden Komplexität geht die faktische Macht auf seine Berater über, die ihm sagen, was er befehlen soll. Die vielfachen Abhängigkeiten des Machthabers werden für die Untergebenen zu Machtquellen. Sie führen zur strukturellen Streuung der Macht.”
Ich wollte relativ unkommentiert zitieren. Also: Was ist Macht? Eine Frage nur für Lehrerinnen und Lehrer oder auch für Schulleitungen??
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Vom Wert unserer Arbeit
By claude | Mai 17, 2008
Früher sagte einmal ein Kollege auf die Frage eines Schülers, was er verdiene: “Was ich verdiene, kann mir keiner bezahlen, ich kann dir nur sagen, was ich kriege!”
Nachdem Busfahrer, die Busse zum Busfahren, Kassiererinnen die Kassen zum Kasieren und Fussballer, die Fussbälle zum Fussballspielen auf der Arbeit gestellt bekommen, haben nun auch Schullehrer das Recht, die Schulbücher zum Schulunterricht nicht selbst bezahlen zu müssen: OVG Koblenz, Urteil vom 26.2.2008. Das ist doch schon mal ein Anfang! Wir merken, langsam nimmt die gesellschaftliche Anerkennung unserer Arbeit richtig Fahrt auf.
Für mich war kürzlich eine sehr einfache Aussage eines Freundes eine Offenbarung. Ihm wurde schulintern angeboten an einer Supervision teilzunehmen. Kosten? Günstig: 150,- Euro im Halbjahr. Er sagte: “Ich bezahle von meinem Geld nichts mehr für meine Arbeit.” Mich hat die Aussage deshalb überrascht, weil er sehr engagiert ist und sich auf eigene Kosten fortgebildet hat. Er ist qualifiziert für Freizeitpädagogik und Theaterarbeit in der Schule. Mich hat die Aussage deshalb überrascht, weil ich seit einem Jahr eine Weiterbildung durchführen darf, die ich selbst bezahle und seit dem ein schlechtes Gewissen hatte. Die Weiterbildung bringt mir sehr viel für meine Arbeit in der Schule. Deshalb sehe ich mein Geld gut investiert. Warum habe ich dann ein schlechtes Gewissen? Weil die Lehrer, die sich nicht fortbilden immer auf die Faullenzer schimpfen, die deshalb fehlen? Weil die Schulleitung mir erlaubte diese Fortbildung zu machen, unter der Bedingung die Fehlzeit durch Mehrarbeit zu kompensieren und mit einer Vertretung den Unterricht vor- und nachzubereiten? Ich glaube, bei mir ist eine Schraube locker! Das wurde mir schlagartig klar, als mir der Freund das sagte. Vielleicht sollte ich doch mal eine Psychoanalyse machen - gegen mein schlechtes Gewissen.
Deshalb bin ich froh, wegen des Satzes: “Ich bezahle von meinem Geld nichts mehr für meine Arbeit!” Das ist auch eine Haltung und keine schlechte. Mir hat das neues Selbtsbewusstsein gebracht. Ich zahle etwas für die Verbesserung meiner Fähigkeiten. Das muss man nicht. Aber mir hilft es, meine Selbstachtung, meinen Selbstwert zu steigern. Das klingt vielleicht komisch, aber: Das mache ich freiwillig. Dafür kann die Schule, wenn sie will dankbar sein, muss sie aber nicht. Seit dem ich diesen Satz hörte, ist mein schlechtes Gewissen weg - auch ohne Psychoanalyse. Schaun mer mal, ob dauerhaft…
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Ich habe ein altes Wort gefunden!
By claude | Mai 5, 2008
“Alle Lehrer, gerade weil die Schulen Asyle der Muße sein sollten, müssen sich aufs leidenschaftlichste am Kampf der Geister unserer Zeit beteiligen…, damit sie aus den heißesten Bedürfnissen der Gegenwart heraus ihren Schülern, die doch lauter Kinder der Zeit sind, den Zugang zum Bedeutenden öffnen können.” (Heinrich Weinstock, Arbeit und Bildung, Heidelberg, 2. Aufl. 1956, 153.)
Kannten wir dies Wort einmal: “Muße”? Und mehr noch: die Schule gar ein Asyl der Muße? O Gott, wenn dies die Definition unserer Aufgabe und unserer Institution ist, dann machen wir uns jeden Tag schuldig an unseren Schülern. Und auch an uns? “Muße” das klingt, wie ein Märchen aus uralten Zeiten. Wie konnten wir dies Wort (und vorallem das, was hinter diesem Wort wirklich steht) nur vergessen? Wie konnten wir nur Nietzsches Warnung überhören, dass wer mit der “Uhr in der Hand denkt”, “aller guten Bildung den Garaus macht”? (Zitat bei: Dirk Kutting, Lehrer sein, Göttingen 2008, 44.)
“Muße”, das hat etwas mit gelebter Freizeit und Freiheit zu tun, das wusste man zumindest theoretisch noch vor 50 Jahren: “Es wäre deshalb nicht richtig, wenn der Lehrer die Schule als sein ausschließliches Lebensgebiet wählen würde. Er hat nicht nur das Recht, als Erwachsener im vollen Sinne zu leben, er hat sogar die Pflicht, es zu tun. Seine “Freizeit” steht damit, …, notwendigerweise im Lichte seiner Arbeit.” (M.J. Langeveld, Die Schule als Weg des Kindes, Braunschweig 1960, 161.)
Wenn man daraus nicht folgert, dass die Freizeit Arbeit mit anderen Mittel ist (vgl. nochmals Nietzsche: “Man schämt sich jetzt schon der Ruhe!” Ebd.), dann können wir aus dem bisher Gesagten den Schluss ziehen: Vor Allem Lehrer sein und vor Allem immer im Dienst sein, kommt unser Mensch sein, unser privates und gesellschaftliches Leben, die Muße. Zu schön, um wahr zu sein. Oder besser: Zu wahr, um nur schön zu sein? Vielleicht auch: Zu wahr, um nicht gelebt zu werden!
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Ich habe zwei neue Wörter gelernt!
By claude | April 4, 2008
Toll! Applaus! Würde meine Tochter sagen, aber ich finde diese Wörter wirklich interessant und unsere Situation als Lehrerinnen und Lehrer erhellend.
Soll ich die beiden Wörter sofort bringen oder sie erst ein wenig umschreiben?
Lieber erst ein bisschen umschreiben! Also das erste Wort meint ungefähr Folgendes. Kennen wir wahrscheinlich fast alle… Da wir als Menschen abhängig sind von unserer Motivation, müssen wir für die Ausführung bestimmter Tätigkeiten, die wir als langweilig empfinden, einen gewissen Widerstand überwinden. Bei manchen von uns passiert dann verstärkt, aufgrund der Tatsache, dass die Ausführung der Tätigkeit stark mit negativen Gefühlen besetzt ist, dass sie aufgeschoben wird. Bei manchen von uns ist die Fähigkeit der Aufschiebung so stark ausgeprägt, dass sie fast schon wieder in kulturelle Werte gerinnt. Nehmen wir z.B. das Schreiben eines Beitrags für unseren Lehrer-Blog. Mein Verhalten bedeutet die Aufschiebung von wichtigerer Arbeit, nämlich der ordentlichen Unterrichtsvorbereitung. Für das Blog-Schreiben nehme ich also sogar Nachteile in Kauf, nämlich liegengebliebene Arbeit. Andererseits, fiele mir anstelle des Blog-Beitrags vielleicht auch eine andere Prokrastination …, upps, jetzt ist das erste Wort doch schon rausgerutscht, wollte ich eigentlich nach ein wenig aufschieben…
Leidest du, liebe Kollegin, lieber Kollege an Prokrastination? Als Krankheit ist dies aber leider noch nicht anerkannt, obwohl es sicher Kollegen gibt, die sich deswegen manchmal krank schreiben lassen. Wenn du wissen willst, ob du von Prokrastination betroffen bist, beantworte folgende Fragen (aus einem Fragebogen von H.-W. Rückert) ehrlich:
Ich erledige Dinge meist auf den letzten Drücker.
Bevor ich mit einer wichtigen Sache anfange, muss ich erst aufräumen.
Für mich zählen nur perfekte Ergebnisse.
Ich bin eher der spontane Typ, ich mag nicht nicht festlegen.
Ich nehme mir immer wieder etwas vor, aber halte mich nicht daran.
Ich kann nicht abschalten, ich muss immer an die unerledigten Sachen denken.
Wenn du auf alle Fragen “stimmt genau” antwortest, dann ist das Prokrastinieren für dich zur Gewohnheit geworden. Du leidest und fühlst dich überlastet, aber wie gesagt, es nicht als Krankheit anerkannt, so wie Lese- Rechtschreibschwäche, AD(H)S usw. bei unseren Schülern, …warum bekommen die eigentlich alles sofort als Krankheit anerkannt, haben die die bessere Lobby als wir, hat jetzt jeder Schulelternbeirat einen direkten Draht zur Ärztekammer, oder was? (Vielleicht habt ihr es noch nicht gemerkt, eben beginne ich mit der Umschreibung des zweiten Wortes!) Also nochmal, haben die Eltern jetzt eigentlich schon einen direkten Draht zur Ärztekammer? Zumindest kriechen alle vor den Eltern, vorallem die Ministerien: Unterrichtsausfall (das ist noch nicht das zweite Wort!) wird drohend in die Schulämter hinein gerufen: Unterrichtsausfall! Und schon gibt es eine neue Verordnung und vorauseilenden Gehorsam der Abteilunsgleiter an den Schulen: Konferenzen nur noch nach 22 Uhr, sonst könnte es am Ende noch Elternabendausfall geben. Unser Schulelternbeirat hat uns einmal ein Pflänzchen geschenkt und ins Lehrerzimmer gestellt, mit lauter kleinen Zettelchen dran. Wünsche für das Kollegium! Da konnte man beispielsweise lesen: Wir wünschen uns verpflichtende Anwesenheitszeit aller Lehrer im Schulgebäude von Montags bis Freitags von acht bis sechzehn Uhr! So jetzt muss das Wort raus: Das ist strukturelle Demütigung! Alles, was in den letzten Jahren passiert, ist strukturelle Demütigung von Lehrern! Kontrolle und Reglementierung, bei gleichzeitiger Arbeitszeiterhöhung gekoppelt mit erzwungenem Lohnverzicht! Lucky und Ivo haben in ihren Kommentaren zu Jürgens letztem Beitrag Listen erstellt, die das Ausmaß struktureller Demütigung nur ansatzweise beschreiben. Alles, was eingeführt wird, soll uns Lehrer kontrollieren. Qualitätskontrolle nennt man das! Ich nenne das strukturelle Demütigung. Bevor ich mich jetzt total in das Thema eingroove nur noch ein Beispiel für strukturelle Demütigung.
Es wird oft darüber geschimpft, dass die Lernatmosphäre in den Klassenräumen nicht stimmt, weil es so laut sei. Darum müssen wir dafür sorgen, dass die Lernatmosphäre sich verbessere. Wir sollen für Ruhe sorgen, ohne die armen Kinder zu demütigen, was ich für richtig halte. Aber habt ihr schon mal etwas von der Nachhallzeit in Räumen gehört? Wenn die Nachhallzeit in Räumen höher als 0,7 s ist, dann kann man keine Ruhe herstellen! Der Hall ist zu groß. Er verzerrt! Er überlagert! Er erzeugt Lärm! Wir haben es bei Lärm also auch mit einem Problem der Raumakustik zu tun. Interessiert aber kein Schulamt, wir haben ja, Pädagogen, die regeln das…
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Die Flagge B.
By claude | März 22, 2008
Ich sage nett und freundlich zu einem Kollegen, der im Mantel an mir vorbeigeht: “Tschüß!” Seine Antwort: “Ich gehe noch nicht. Ich habe Pausenaufsicht!” Oh, ja, große Sache, denke ich, Applaus! Da war sie wieder, die Flagge der Belastung. Ich hasse sie. Ständig wird sie hochgezogen. Die Flagge B.
Ich frage montags eine Kollegin (nach einem Beispiel von einem Kollegen muss ja jetzt aus Proporzgründen nun ein Beispiel mit einer Kollegin kommen, es war aber von einem Kollegen, ich schreibe aber, es sei von einer Kollegin, nicht weitersagen…), wie sie gestern den Tatort fand. Antwort: “Ich musste korrigieren!” Die Flagge B. flott gehisst.
Dienstbesprechung: Der Oberstufenleiter (psst, es war in Wirklichkeit eine Leiterin…) erklärt vor dem Abitur, wieviel er dafür getan habe, damit für uns Alles gut laufe. Das will ich aber nicht hören, denn von ein paar anderen Leute aus dem Kollegium weiß ich, dass sie vor dem Abi auch ein klein wenig was zu tun haben. Die Flagge B. aber weht fröhlich im Wind.
Der Chef (jetzt bin ich ganz durcheinander, ich glaube, es ist wirklich ein Mann…?!) beginnt eine Gesamtkonferenz, (die jetzt immer um sechszehn Uhr beginnen, weil wir ein Ganztagsangebot haben und weil wir ja durch das Ganztagsangebot nicht früher können, weil wir ja nun länger arbeiten müssen, müssen alle erst um sechszehn Uhr mit der Konferenz beginnen, … ) also, der Chef beginnt die Sitzung damit, dass er uns erklärt, dass er viel zu tun hat. Dafür braucht er eine halbe Stunde. Das wollten alle schon immer mal hören, zumal alle erst Morgen um acht wieder Unterricht haben und daher am Spätnachmittag sowieso nicht gewusst hätten, was sie jetzt hätten tun sollen. Die Flagge B. hängt schlaff am Mast.
An meinem möglicherweise in der Darstellung der letzten beiden Beispiele etwas ironischen Unterton, kann man vielleicht merken, dass ich sie auch vor mir hertrage, die Flagge B. Leider erwische ich mich auch, sie immer wieder zu hissen. Wir dürfen nicht gut gelaunt unsere Arbeit verrichten. Wir müssen jammern, weil es viel zu jammern gibt. Aber wem nützt das? Was hilft das, außer dass es die Atmosphäre vergiftet? Was wollen wir wirklich, wenn wir die Flagge B. immer wieder nach oben ziehen? Was soll das also?
Vielleicht wollen wir einfach, dass ab und zu mal jemand sagt: Ich sehe du machst viel und manches gar nicht mal so schlecht, weiter so! Einfach manchmal ein wenig Lob und Anerkennung, das wär´s. Das wollen wahrscheinlich alle, die arbeiten, aber wir Lehrerinnen und Lehrer besonders. Weil wir so wenig Lob und Anerkennung spüren, müssen wir unter uns und anderswo die Flagge B. herumschwenken, wie nervig. Luc Besson hat in seinem Film “Angel.a” eine prima Therapie in Szene gesetzt. Da muss der arme Held des Films, der immer eins in die Fresse bekommt, lernen zu seinem Spiegelbild zu sagen: “Ich liebe dich!” Narzistischer geht´s kaum, mag man denken. Ich glaube aber, dass die Flagge B. viel mehr von Narzissmus zeugt, als eine wirkliche Selbstannahme: “Du, ich mag mich!” Mehr davon, möchte man sagen und weniger von der Flagge B.
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Die Geschundenen
By Juergen | März 16, 2008
Lehrer, laut Gazprom-Abzocker Gerhard Schröder die “faulen Säcke” der Nation, haben zur Zeit wieder einmal Ferien. Man findet sie nun an den Gates und Bahnsteigen dieser Welt, wo sie alle Klischees zu erfüllen scheinen, die der gemeine BILD-Zeitungsleser pflegt. Braungebrannt kommen sie aus dem Süden zurück und schultern bis zum Ende des ohnehin kurzen Schuljahres ein paar Unterrichtsstunden.
Die Ergebnisse der Forschungen Uwe Schaarschmidts, Experte für das Tätigkeitsfeld des Lehrers, zeigen ein anderes Berufsbild. Auch das folgende Szenario mag auf den Leser satirisch, fast schon frech wirken. Ist es aber nicht. Es zeigt den Tag eines Lehrers, wie er sich zuträgt in Deutschland - Tag für Tag.
Der Wecker ist auf 5 Uhr gestellt. Da ich in der Nacht vor dem Computer eingeschlafen bin und mich ins Bett retten konnte, muss ich früher aufstehen als sonst. Es muss noch eine Kursarbeit konzipiert werden. Ich erliege nicht der Versuchung, die komplette Klausur aus den Materialien eines hinlänglich bekannten Schulbuchverlags zu kopieren, sondern stelle eine auf den Stand meines Kurses abgestimmte Arbeit zusammen. Dieser Idealismus kostet mich bereits eine halbe Stunde Schlaf. Die Öffentlichkeit erfährt das allerdings nicht. Der erste Zwischenfall des noch jungen Tages ereignet sich, als ich über meiner Konzeption den Teebeutel in der Tasse vergesse - statt fünf Minuten lasse ich den Tee 25 Minuten ziehen und schlürfe die nun lauwarme und geschmacklich verdorbene Flüssigkeit übelgelaunt herunter. Ich habe keinen Appetit. Die Fünftklässler erwarten ihre mündlichen Noten. Ich habe sie nicht fertig. Ich werde sie auch nicht fertig machen. Das ist meine subversive Tat - eine Unterlassung, aus der Not geboren, aber, wie mir immer deutlicher wird, eine angemessene, höchst angemessene Demonstration meiner verbleibenden Selbstbestimmung.
Als ich am Bus ankomme, bin ich bereits genervt. Der Tag hätte beschaulicher beginnen können. Nun gut, er hält noch einiges bereit. Im Bus werde ich sogleich von einem Schüler lautstark mit meinem Namen begrüßt. Der ganze Bus weiß nun, dass ich ein Lehrer bin. Ich spüre feindselige, verächtliche Blicke. Es ist laut und heiß, unerträglich heiß. Eine Karikatur einer Schülerin führt ein Handygespräch und lässt den gesamten Bus teilhaben an ihrer jämmerlichen Beziehungssituation, die sie einer vermeintlichen Freundin lautstark mitteilt. Es sind dies Figuren, die man sonst nur aus den nachmittäglichen Talksendungen im Privatfernsehen kennt, bei denen man beim Zappen mitunter fasziniert hängenbleibt. Die wenigen Minuten Fahrt kommen mir vor wie eine Ewigkeit, und als ich aussteige, fühle ich mich wie nach einem anstrengenden Arbeitstag, der in Wirklichkeit gerade erst beginnt.
Im Lehrerzimmer organisiere ich mir schleunigst einen Kaffee. Ich habe Glück, dass ich erst nach einer Minute von Kollegen angesprochen werde. Wie im Schlaf sage ich “ja”, “genau”, “ach”, “interessant”, “ungeheuer”, “da kann man mal sehen” usw., bevor es auch schon klingelt. Ich warte noch geraume Zeit, um nicht den Eindruck eines übereifrigen Lehrers zu erwecken, und gehe mit fünfminütiger Verspätung in den Unterricht. Man fragt mich vorwurfsvoll, weshalb ich die Klassenarbeit noch nicht korrigiert habe. Meine Erklärungen werden als billige Ausreden eines Faulenzers abgetan. Die Stunde verläuft normal.
Die Klausur in der Oberstufe wird von den Schülern gefasst aufgenommen, verschafft mir aber postwendend einen weiteren Stapel an Korrekturstoff. Er liegt so leicht in der Hand, dieser Stapel, was mich provoziert. In Wahrheit bedeutet er nächtelange Arbeit, deren Sinn mir immer schleierhafter wird.
Die Stunde in der Mittelstufe beginnt wie üblich mit disziplinarischen Ermahnungen: Hinsetzen, ruhig sein, die Sachen auspacken. Deeskalation. Ich höre, wie meine Stimme die eines Predigers wird, der das Gute herbeisehnt. Man tut mir den Gefallen und hört mir zu. Ich bin erschrocken über die plötzliche Stille und vermute ein Komplott. Irgend etwas stimmt nicht. Ich bin irritiert, allerdings nur bis zur Kontrolle der Hausaufgaben, die wie üblich aus Marginalien bestehen. Wortfetzen, von Mitschülern abgeschriebene Versatzstücke geistiger Arbeit. Nur zwei Schülerinnen warten mit ausführlichen Texten auf. Das Unterrichtsgespräch verläuft den Umständen gemäß ertragreich, wozu meine eingestreuten reißerischen Pointen nicht unwesentlich beitragen. Erhobenen Hauptes verlasse ich den Klassenraum.
Eine Mittagspause von zwanzig Minuten erlaubt keine warme Mahlzeit. Sie erlaubt auch keine irgendwie geartete Erholung. Sie ist vielmehr ein Ärgernis, dieser Witz einer Pause! Kein Industriearbeiter würde sich so etwas bieten lassen, ohne dass die IG Metall ernsthaft mit Warnstreiks drohen würde. Doch auch wenn die Pause zwei Stunden dauerte - ein ruhiger Arbeitsplatz oder gar Erholungsraum steht nicht zur Verfügung. Wer je eine Pause in einem Lehrerzimmer erlebt hat, wünscht sich nichts sehnlicher als ein eigenes Büro, wie es Sparkassenangestellte beispielsweise haben. Die müssen übrigens auch nicht die Fotokopien für ihre Kunden aus der eigenen Tasche vorstrecken wie wir Lehrer. Sie müssen sich auch nicht ihre Arbeitsmaterialien selber kaufen und dann wortreich in der Steuererklärung begründen, wozu ein Lehrer so viele Bücher kaufen muss.
Am späten Mittag die Konferenz. Der Direktor - an anderen Schulen mag man sich heutzutage auch eine karrierebewusste Frau mittleren Alters vorstellen - verheddert sich in Formalien, die niemanden interessieren. Ältere, abgebrühte Kollegen korrigieren derweil fleißig Tests, die sie vermutlich nur geschrieben haben, um den jüngeren Kollegen ihre Chuzpe vor Augen führen zu können. Andere dösen vor sich hin, ein Kollege schnarcht gar, worauf er hinterher stolz sein wird. Nach quälenden drei Stunden wird das Kollegium erlöst und fragt sich, warum geballte Arbeitskraft in dieser Größenordnung soeben vernichtet wurde.
Ich gehe nach dieser kräftezehrenden Zeitverschwendung mit Kollegen essen. Ich habe nichts Nennenswertes den ganzen Tag über gegessen. Mein Magen zieht sich bereits krampfartig zusammen. Nach dem üppigen Essen, angereichert durch einen Tropfen Alkohol, macht sich ein lähmendes Völlegefühl breit. Ich ahne, dass die anvisierten Korrekturen auch an diesem Abend aufgeschoben werden müssen. Doch ohnehin wartet die Vorbereitung des mündlichen Abiturs: Texte auswählen, Aufgabenstellungen entwerfen. Auch heute Nacht wird es mindestens zwei Uhr. Immer gibt es etwas zu arbeiten. Nie kann in Freizeit und Arbeitszeit getrennt werden. Ein permanent schlechtes Gewissen ist die Folge. Jeder Film, den man sich im Kino anschaut, wirft die Frage auf, warum man nicht stattdessen die Klausuren korrigiert oder Unterricht vorbereitet oder endlich Eltern anruft, die auf ein Gespräch warten.
Die deutschen Gewerkschaften forderten in den 1980er Jahren die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, freilich nicht für Lehrer. Die arbeiten im Schnitt 56 Stunden, auch nachts und an Wochenenden ohne Zuschläge. Zieht man die Ferien ab, ergibt sich immer noch ein sattes Plus gegenüber anderen Berufsgruppen. Freilich sind nicht alle Kollegen gleichermaßen belastet. Lehrer mit Sport und Physik dürften über mehr Freizeit verfügen als Kollegen mit Deutsch und Englisch. Selbst schuld, könnte man sagen. Und dennoch wird es Zeit, einen Berufsstand vor der gesundheitlichen Verelendung zu bewahren, indem man für menschenwürdige Arbeitsbedingungen sorgt: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.
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Mehr Infos zur Belastungsstudie
By admin | Februar 8, 2008
Im WDR:
Interview zur Ausgestaltung des Lehrerberufs
Arbeitszeit als Belastungsquelle
In Dortmund haben Experten am Donnerstag (07.02.08) über die Zukunft des Lehrerberufs diskutiert. Ein Thema: Die Belastung der Pädagogen durch hohe Arbeitszeit. Uwe Schaarschmidt, Experte für Fragen der Arbeitsbelastung bei Lehrern, erläutert, welche Arbeitszeitmodelle sinnvoll sind.
Mehr dazu unter:
http://www.wdr.de/radio/schulportal2007/schulwelt_hautnah/archiv/lehrer_arbeitszeit/index.phtml
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Rätsel
By admin | Februar 7, 2008
Wer als erstes herausfindet, wo sich das Autorenteam auf den Fotos befindet, gewinnt einen der abgebildeten Schals! Und muss ihn dann auch tragen
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Bildungsstandards und Co.
By admin | Februar 7, 2008
Liebes Lehrerteam,
ich finde eure Texte klasse! Sie geben zu denken und sind dennoch witzig. Weiter so!
Eine Frage hätte ich nun mal an euch alle (gerne auch an die anderen Leserinnen und Leser):
Wie seht ihr mit dem Blick aus der Praxis die neuen Anforderungen an Lehrkräfte und letztendlich auch an die Schülerinnen und Schüler?
Was heißt “Bildungsstandards” für euch? Welche Folgen hat das Zentral-Abitur für Lehrerinnen und Lehrer? Was ist mit der Diskussion um Ganztagsschulen, um “eigenverantwortliche Schule”, “frühkindliche Bildung” etc.? Ist die Bildungspolitik auf dem richtigen Weg?
Wenn man den Blick nach Hessen lenkt und von Unterrichtsgarantie Plus und G8 hört, klingt das eher schaurig, oder wie seht ihr das?
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Home Office
By claude | Februar 6, 2008
Die gute Nachricht zuerst. Eine WISSENSCHAFTLICHE Untersuchung hat herausgefunden, dass Lehrer (und Lehrerinnen) durchschnittlich mehr als 52 Stunden in der Woche arbeiten. Wenn man diese Zahl zugrunde legt, dann ist unser Mehr an Ferien gerechtfertigt. JUPPIJEIJEH! Endlich gerechtfertigt!
Nun aber das Problem, wir arbeiten viel Daheim. Das sehen die Nachbarn. Das bemerken z.B. auch die Erzieherinnen im Kindergarten, immer wenn ich ein Kind hinbringe oder abhole wird gefragt: “Haben Sie heute frei oder müssen Sie erst später?” “Nein,” möchte man sagen, “ich muss heute frei!” Aber das versteht keiner. Letztens hörte ich sogar meine Frau, wie sie einen Anrufer abwimmelte, während ich am Schreibtisch saß: “Nein,… im Moment geht es nicht,… mein Mann braucht Ruhe!” Ruhe, Ruhe, natürlich brauche ich RUHE, auch wenn ich nicht im Krankenhaus liege, sondern einfach meinem Job nachgehen möchte. “Mein Mann ARBEITET!”, wäre also die korrekte Antwort gewesen. (”tc” möchte man sagen: teacherly correct!)
Vielleicht naht jedoch Rettung aus dem Bereich des Managements. Oft höre ich inzwischen Freunde, die in der Unternehmensberatung arbeiten, wochentags sagen: “Ich muss heute nicht zu Kunden. Ich habe heute home office!” Welch glücklich gewähltes Zauberwort für “zu-Hause-rumhängen”: Home office, HOME OFFICE das klingt gut, das will ich auch, ich mache jetzt immer nur noch HOME OFFICE, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze.
Komisch finde ich nur, dass dieses Wort möglicherweise eine Erfindung deutscher Mananger ist, die vielleicht kein englisch können. Machen Manager in England oder in den USA auch home office? Ich weiß nicht! Mein Langenscheidt übersetzt das Wort nämlich mit “Innenministerium”. Der Gegensatz zu “outwork” ist meines Wissens “home-work”. Das könnte man vielleicht auch mit Hausaufgabe übersetzen? Machen wir dann richtig “tc” gesagt, daheim am Schreibtisch “Hausaufgaben”? Oder so ähnlich? Ich jedenfalls mache nur noch “HOME OFFICE”!
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Lassen Sie mich ausreden!
By claude | Januar 30, 2008
Mein erstes Erlebnis in einem Seminar an der Uni war beeindruckend wie unschön. Der Professor wollte die Veranstaltung beginnen, als eine Kommilitonin aufsprang und sagte (besser: schrie): “Wir müssen zuerst über die Demo gegen die Startbahn-West diskutieren!” Der Professor verbat sich diese Einlassung und beide fingen an gleichzeitig zu schreien:
“Lassen Sie mich ausreden!”
Das ging solange, bis der Professor zornig, schreiend und Türe schlagend den Saal verließ. Ich war einigermaßen geschockt und erinnere mich immer wieder an diese Szene, wenn jemand sagt: “Lassen Sie mich ausreden!”
Bei Badesalz gab es die Figur des “Hessi James”. Erinnert sich noch jemand an den? Das war einer, der soviel babbelte bis einem das Blut aus dem Ohr lief. Das finde ich ungerecht. Warum muss den Hörern Blut aus dem Ohr laufen? Könnte es nicht auch mal anders sein? Das ist so ein kleiner (perverser?) Traum von mir. Immer wenn jemand sagt: “Lassen Sie mich ausreden!” Lässt man ihn ausreden und es passiert das gleiche, das mit einem geschächteten Lamm passiert, langsam, ganz langsam redet und spricht sich das Gegenüber aus, bis es schließlich bleich und blutleer vor einem liegt. Er hat ausgeredet! Zu pervers, diese Vorstellung? Nein, nicht zu pervers, aber zu unrealistisch. Habt ihr schon mal Jemanden erlebt, der darum bat ausreden zu dürfen und der dann wirklich einmal an ein Aus kam, um dann seinem Gegenüber aufmerksam zuzuhören. Ich nicht! Darum liebe ich diesen leicht “perversen” Klang, der im Wort vom AUSreden liegt. Nehmt es wie ihr wollt, es ist einfach die hilflose Vorstellung eines ohnmächtigen Menschen.
Ein kleiner pädagogischer Hinweis zum Schluss. Manchmal hat mir geholfen, einen AUSredner zu fragen: “Du, ich habe vergessen, was du am Anfang sagtest, kannst du das nochmal wiederholen? Das fand ich wirklich bedenkenswert.” Manchmal ist dann ein paar Sekunden lang Schweigen. Das funktioniert auch hin und wieder im Unterricht: “Wiederhole noch einmal deinen ersten Satz, der war wirklich gut!”
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Abgerechnet wird zum Schluss
By marius | Januar 18, 2008
Hektik im Lehrerzimmer! Große Ordner, nach Klassen sortiert und mit den Zeugniskarten der Schüler gefüllt, stehen drohend im Regal. Die Korrekturen noch in den Knochen suche ich den Ordner der Klasse XY. Er ist nicht da, verdammt, dabei habe ich gerade jetzt Zeit zum Eintragen. Ein bisschen stolz bin ich heute Morgen hierher gekommen, weil ich es geschafft habe, meine Noten bereits zwei Tage vor NOTENSCHLUSS weitgehend fertig zu stellen. Überall ist jetzt die Rede vom NOTENSCHLUSS, ein gewaltiges Wort geknüpft an ein magisches Datum, trügerische Entlastung und Druckmittel für Schüler, Damoklesschwert für viele Lehrer: “Ach, Herr…, morgen ist doch NOTENSCHLUSS, da können Sie aber nächste Woche nicht meine Hausaufgaben benoten!” “Warum muss der NOTENSCHLUSS eigentlich schon zwei Wochen vor der Zeugnisausgabe liegen?” “Was, heute um 12 Uhr ist NOTENSCHLUSS?” Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Neid laden das Lehrerzimmer auf. Da sagt am ersten Tag nach Beginn der Noteneintragsfrist ein selbstzufrieden grinsender Mathelehrer zu mir, er habe alle Noten eingetragen. Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien verkündete er stolz in meine Richtung blickend, er habe bereits alles korrigiert und freue sich auf zwei Wochen Entspannung in den Alpen. Kein Gipsbein trübt jetzt die freudige Stimmung meines “Kollegen”. Na ja, Mathe! Meine Aufgabe des geisteswissenschaftlichen Notenmachens ist da wohl etwas komplizierter: Ein komplexes Gefüge aus Qualitäten und Eindrücken, quälende Reflexion, das Leben in hoch differenziertem Vollzug werden reduziert auf einen Zahlenwert. Das hat auch seinen Reiz. Wenn man überlegt, wieviel Blut, Schweiß, Tränen, Selbstzweifel sich hinter manch einer Note verbergen, die nun sauber im Notenbuch steht und mit anderen addiert und subtrahiert wird, um eine ENDNOTE zu erhalten, dann erscheint es fast als Zauberei, was hier geschieht: Ich sitze mit dem Taschenrechner da und ermittle die Noten unter Ausschaltung fast aller anderen Hirn- und Körperaktivitäten. Die Reduktion tut auch gut! Wie objektiv alles plötzlich ist! Störend nur gelegentliche Zwischenwerte wie 1,5 oder 3,45. Und manchmal ist auch eine 2,7 noch eine 2,4. Und eine 3,4 eigentlich eine 3,9. Die Noten für die Oberstufe werden direkt in den Rechner eingegeben. Vier Laptops laden in den letzten beiden Tagen vor NOTENSCHLUSS nicht zum Verweilen ein. Hier gehts zur Sache, ein Platz muss erobert werden, die Anleitung zur korrekten Eingabe liegt aus, dennoch hat manch ein Kollege hier schwer zu kämpfen, einige tun dies lautstark, bisweilen sogar unter Tränen: “Das darf doch nicht wahr sein, wie komme in denn jetzt in meinen Kurs rein?” “Wie heißt noch mal das Kennwort?” “Speichert der nicht automatisch?” “Dieser unausgereifte Mist, ich hab daheim ein viel besseres Programm!” “Wie ist das noch mal mit der Gewichtung: Mündlich ein Drittel und schriftlich zwei Drittel? Warum macht das nicht dieser Scheiß-Computer?” Die Informatikcracks stehen kopfschüttelnd im Hintergrund, manchmal lassen sie sich dazu herab, etwas von ihrem Herrschaftwissen preiszugeben. Der Kollege ohne Gipsbein steht in einiger Entfernung und sagt nur: “Wenn nicht fast alle erst in den letzten beiden Tagen vor NOTENSCHLUSS hier eintragen würden, dann gäbe es auch nicht diese Wartezeiten. Es liegt nicht an den Laptops, sondern an euch.” “Mögest du an deinem Brötchen, das du gerade so genüsslich vertilgst, ersticken”, kommt es als nonverbale, aber spürbare Botschaft von den Terminals. Nach dem NOTENSCHLUSS ist vor dem NOTENSCHLUSS, denke ich noch und ziehe von dannen, nachdem ich mich von der letzten Note getrennt habe.
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Massendemo gegen Fiktion
By claude | Dezember 31, 2007
Früher fand ich es sehr lustig, als ich hörte, dass sich Fernsehzuschauer beim austrahlenden Sender der “Lindenstraße” meldeten, wenn dort ein Möbelwagen parkte. Sie wollten die freiwerdende Wohnung mieten, um so auch mal ins rechte Bild gerückt zu werden. Eigentlich ein verständlicher Wunsch. Von großer Treue gegenüber der “Lindenstraße” zeugten auch die “Pampers” Pakete, die regelmäßig bei der Redaktion eintrafen, wenn ein neuer Erdenbürger das Licht der Fernsehspots erblickte.
Letztens lachte ich weniger, als zwei Schülerinnen aus Protest meinen Unterricht verließen. Ich hatte in der letzten Unterrichtsstunde vor den Ferien zwei Kurse mit fünfzig Schülern (und innen) zu betreuen und zeigte in didaktischer Not und aus persönlicher Freude eine dänische Komödie. Ich verstehe, wenn dänischer Humor nicht jedermanns (und fraus) Sache ist. Ich war dann aber doch recht verstört, dass die ironische Fiktion des Films nicht durchschaut wurde, sondern anscheinend für ernst gemeinte Wirklichkeit gehalten wurde.
Nun wurde dieser Vorgang aber bestätigt und getopt. Ich ärgerte mich schon über den Vorspann zum NDR Tatort “Wem Ehre gebührt” mit Maria Furtwängler (den ich aus der Erinnerung zitiere): “Diese Sendung enthält eine fiktionale Handlung. Die in der Sendung vorkommenden Personen sind frei erfunden. Es sollen keine Gefühle von Aleviten verletzt werden.” Ich sagte zu meiner Frau zu Beginn des Films (!): “Muss man jetzt schon Fiktion als Fiktion deklarieren? Hast du schon mal einen Vorspann gelesen: “Dieser Film möchte keine Gefühle von Taxifahrern verletzten”, wenn darin ein Taxifahrer gegen die StVO verstieß? Meine Frau wollte nicht klein beigeben und sagte: “Das ist doch was anderes, hier geht es um die religiösen Gefühle einer Religionsgemeinschaft.” Ich musste ihr religionspolitische Korrektheit attestieren, konterte aber, dass es keinen Vorspann in der Art geben würde, wenn ein evangelischer Pfarrer seine Tochter sexuell missbrauchte oder ein katholischer Priester junge Ministranten verführte… Sie gab mir Recht, sie wollte den Tatort sehen…
Nun kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Zuerst wurde Klage gegen den NDR eingereicht, dann demonstrierten in Köln zehn bis zwanzigtausend Aleviten. Die Regisseurin wird als geistige Brandstifterin betrachtet. Wir haben Demonstrationsfreiheit. Vielleicht hat die Demo auch ihr Gutes und bald wird gegen die Gewalt im Fernsehn, in der Bibel und im Koran demonstriert! Vielleicht bekommen wir dann bald eine friedlichere Gesellschaft. Übrigens besagt eine Zahl, die neulich eine Sozialwissenschaftlerin mitteilte: Fünfzig Prozent aller Jugendlicher, die in Deutschland in die Obhut der Jugendhilfe genommen werden, haben türkische Eltern und erlebten von ihnen Gewalt (auch wenn dies in den seltensten Fällen sexuelle Gewalt ist). Dies lässt sich angeblich in der Sinus Studie nachlesen und ist so weit ich weiß keine Fiktion. Aber ich möchte kein Öl ins Feuer gießen: Ich mag Türken und Kurden und finde furchtbar, dass es Krieg zwischen beiden gibt. Mich interessiert an dem Vorgang nur die Tatsache, dass es hier eine Bildungsaufgabe gibt: Selbstdistanz und Selbstkritik. Mich ärgert übrigens auch schon, dass ich beim Schreiben dieses Beitrags ständig überlege, was darf man schreiben und was nicht. Einem Teil der muslimischen Gemeinde ist es gelungen die Meinungsfreiheit einzuschränken. Ich denke voll Sorge an die Regisseurin, die sich sicher sehr real bedroht fühlt, obwohl sie versucht hat, um Entschuldigung zu bitten.
Für uns alle aus dem “Wörterbuch der philosophischen Begriffe”:
Fiktion, von lat. fictio “Bildung, Gestaltung, Erdichtung”, das Dichten und die Dichtung, 1. in der Rhetorik eine Argumentationsfigur, die eine Annahme als wahr voraussetzt, um ein zur Rede stehendes Problem zu erhellen, 2. in der Wissenschaft als methodisches Hilfsmittel eine bewusst widerspruchsvolle oder falsche Annahme, die nichtsdestoweniger zu einem richtigen Ergebnis, zur Bewältigung einer sonst unlösbaren Aufgabe oder zur Erreichung eines praktischen Zwecks führen kann, …, solche Annahmen pflegen durch die Worte als ob als Fiktion gekennzeichnet zu werden. … Unter Fiktion versteht man auch allgemein bewusste Erfindungen, Vorstellungen, die nicht direkt aus der Wahrnehmung der Wirklichkeit hervorgehen.
Es lebe die Begriffsarbeit und die Selbstdifferenz!!
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Die Bescherung
By Juergen | Dezember 20, 2007
Alle Jahre und Ferien wieder: Man hat es minutiös geplant wie bereits im Vorfeld der Herbstferien (siehe “Die Korrekturen”…). Wenn jede Woche eine Arbeit geschrieben wird und ich jedes Wochenende eine Arbeit korrigiere, werde ich Ferien ohne Stapel von Korrekturen genießen können. Diese Mal wird es bestimmt klappen. Irgendwann muss die Rechnung modifiziert werden: Wenn ich eine Arbeit in der Woche und eine am Wochenende abwickle, wird das Ziel immer noch erreichbar sein. Eine Woche vor Weihnachten dann die erneute Lageänderung: Wenn ich das Pensum erhöhe und in einem Kraftakt zwei Arbeiten in einer Woche schaffe, kann ich die Stapel zumindest von vier auf zwei herunterschrauben. Die Realität dann am ersten Tag der Weihnachtsferien: Zwei verschiedenfarbige Heftstapel und zwei Konvolute an losen Blättern warten seelenruhig auf ihre Bearbeitung, sie scheinen uns frech anzugrinsen, zunehmende Ablehnung erzeugend. Man beginnt damit, sie zu verdecken - mit der Programmzeitschrift oder bei ganz üblen Kursarbeiten auch einmal mit Altpapier… Man beginnt sie zu hassen, stellt sich Szenarien vor, in denen man der Plagegeister mehr oder weniger unschuldig beraubt wird - Einbrecher hinterlassen eine verwüstete Wohnung und nehmen nichts an Wertsachen mit, dafür aber verschwinden ganze Heftstapel, deren verkohlte Überreste in einem entlegenen Waldgebiet von verspäteten Pilzsammlern gefunden werden. Die Verärgerung bei allen Beteiligten hält sich in Grenzen und man entschließt sich zu einer allgemeinen Schweigespirale.
Nach diesen beschämenden Tagträumen wieder bei Sinnen, redet man sich ein, nach den ersten Heften werde einem die Korrektur Spaß machen, um diesen mehr als obszönen Gedanken schnell zu verwerfen. Dieser Selbstbetrug hat noch nie funktioniert, wieso also ausgerechnet dieses Mal? Eine weitere Strategie ist die der Belohnung: Nach der Erledigung des ersten Stapels gönnt man sich ein schönes Essen, neue Kleidung, … Doch da man nicht verhungern will, genehmigt man sich bereits zur Motivation ein schönes deftiges Essen, nach dem man freilich mit einem Völlegefühl abhängt, unfähig zu einem klaren Gedanken, da natürlich noch ein oder zwei Gläschen Wein das schlechte Gewissen in Schach halten und Mut machen sollen, frisch ans Werk zu gehen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ganz schwach, so dass uns Mutter Natur die Marschrichtung vorgibt: ab ins Bett! Es liegen also weiterhin viele bunte Stapel bereit, die unter dem Weihnachtsbaum inmitten der anderen bunten Geschenkverpackungen gar nicht weiter auffallen - Phase der Verdrängung. War da noch was? Aber doch bitte nicht am Heiligen Abend!! Geradezu blasphemisch der Gedanke, zum Weihnachtsoratorium profane Aufsätze zu korrigieren. Hinzu kommt der kulinarische Aspekt: Da viel und gut gegessen wird, kann man nicht korrigieren, und da man nicht viel und gut essen kann, wenn man viel korrigiert, bleibt keine andere Wahl als der psychologisch, medizinisch und fachlich indizierte Aufschub und damit eine zusätzliche Bescherung.
Aber all das ist im Grunde kein Problem: Wenn in den Ferien an jedem Tag fünf Arbeiten korrigiert werden, bin ich am letzten Ferientag durch. Wo ist das Problem? Wieso die Hektik im Vorfeld? Nach der ersten Ferienwoche steigt das Pensum dann auf zehn Klausuren pro Tag, aber auch das ist noch theoretisch möglich.
Hat etwa unser Ex-Kanzler recht, wenn er Lehrer als “faule Säcke” bezeichnet, oder der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, wenn er betont, er habe das Wochenpensum eines Lehrers bereits Dienstag mittag geschafft? Sind wir Opfer unserer großen Flexibilität geworden, um die uns unwissende Werktätige beneiden, die gar nicht wissen, wie gut sie es haben, um 16 Uhr nachmittags die Füße hochlegen und den Fernseher ohne schlechtes Gewissen einschalten zu können? Oder ist es das mythische Streben nach Unerreichbarem, das aufzugeben im großen Plan der Schöpfung nicht vorgesehen ist? Eine lyrische Variation dieses zeitlosen Themas, in das wir Lehrer unzweifelhaft verstrickt sind, offeriert uns C.S. Lewis in dem Gedicht “The Landing”:
The ship’s stride faltered with her change of course, awaking us.
Suddenly I saw the land. Astern, the east was red;
Budding like a flower from the pale and rippled vacancy,
The island rose ahead.
All, then, was true; such lands, in solid verity,
Dapple the last sea that laps against the sky;
Apple-gold, the headlands of the singing Hesperides
On glass-clear water lie.
Once before I’d seen it, but that was from Helicon,
Clear and distinct in the circle of a lens,
Peering on tip-toes, one-eyed, through a telescope
Goddesses’ country, never men’s.
Now we were landing. Bright beasts and manifold
Came like old familiars, nosing at our knees;
Nameless their kinds–Adam’s naming of the animals
Reached not those outer seas
Up from the shore then, benumbed with hope, we went upon
Danceable lawns and under gum-sweet wood,
Glancing ever up to where a green hill at the centre of
The hush’d island stood.
We climbed to the top and looked over upon limitless
Waters, untravelled, further west. But the three
Daughters of Hesperus were only painted images
Hand-fast around a tree,
And instead of the Dragon we found a brazen telescope
That burned our eyes there, flashing in the sun.
It was turned to the west. As once before on Helicon,
We looked through it, one by one.
There, once again, I beheld it, small and perilous,
Distant beyond measure, in the circle of the lens
–But this time, surely, the true one, the Hesperides’
Country which is not men’s.
Hope died–rose again–quivered, and increased in us
The strenuous longing. We re-embarked to find
That genuine and utter West. Far astern and east of us
The first hope sank behind.
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Koma Kreide
By claude | November 9, 2007
Ein paar Äußerungen von Schülern, die mir alle in dieser Woche begegneten, machen mich betroffen:
Eine Schülerin der 6. Klasse sagt: “Wenn Lehrer nicht reden, dann schreiben sie etwas an die Tafel. Wir müssen entweder zuhören oder abschreiben.” Für manche Phasen meines Unterrichts mag dies auch zutreffen. Ich denke: Deswegen stellt wahrscheinlich die Kreide unserer Schule eine Firma namens “KOMA” her. Aber im Internet finde ich leider keinen Eintrag einer Firma “KOMA Qualitätskreide”…
Ein Schüler der 7. Klasse schreibt in einer Hausaufgabe: “Ich warte sehnsüchtig darauf, dass ich nicht mehr ins Ganztagsangebot gehen muss. Jeden Nachmittag komme ich erst nach 5:00 Uhr zu Hause an. Ich verliere völlig den Kontakt zu meinen alten Feunden und in der Schule habe ich Angst ausgelacht zu werden, wenn ich mich melde. Ich fühle mich einsam.” Ich kann ihn nur zu gut verstehen, was kann ich tun, außer ihn persönlich zu ermutigen?
Eine Schülerin aus der 10. Klasse beschwert sich, dass sie viel zu unselbständig gehalten werden. “Ich möchte mehr Selbständigkeit. Ich wünsche mir, dass wir uns eigenständig Dinge erarbeiten können und dass dies nicht nur in den Hausaufgaben zu tun ist, sondern dass wir dazu Raum und Zeit in der Schule haben. Ich wünsche mir so etwas, wie einen Werkraum auch für Denkfächer.” Eine andere Schülerin ergänzt: “Ich wünsche mir auch einen Platz zum Lernen in der Schule und dazu feste Stunden im Stundenplan, nicht nur eine Stunde nach der anderen mit 20-30 Leuten in einem Raum.”
Ein weiterer Schüler aus dieser Klasse: “Ich langweile mich zu Tode. Ich will öfter im Unterricht in Anspruch genommen werden. Ich will Aufgaben bekommen, mit denen ich mich persönlich auseinandersetzen kann.”
Mit solchen Aussagen im Kopf gehe ich in den Unterricht meiner 11. Klasse. Bisher dachte ich: “Das Thema, das wir gerade behandeln, mögen sie nicht, gut, aber immerhin mag ich es. Das ergibt vielleicht immerhin einen besseren Unterricht, wie wenn es umgekehrt ist.” Heute kann ich nicht so denken. Ich bin zu sehr dabei “wie mein Unterricht ankommt”. Ganz schlechter Gedanke. Ich stelle mich in Frage, nehme mir den Wind aus den Segeln und verliere den Spaß an dem Thema, auf das ich mich wirklich gut vorbereitet habe. Und natürlich produziere ich in einer selbsterfüllenden Prophezeiung eine langweilige Doppelstunde.
Einfacher ist es, nicht an die Schüler zu denken und sein Ding durchzuziehen. Oder?
Da fallen mir noch ein paar Aussagen von Eltern ein, die ich auch in dieser Woche zu hören bekam:
Eine befreundete Mutter: “Der Elternabend von meinem Sohn war deprimierend. Eine unglaublich schlechte Stimmung und die Mathelehrerin sagte allen Ernstes: Sie brauchen mich über Ihre Kinder nichts zu fragen, die kennen ich noch nicht mit Namen.” Ein Freund holt seine Tochter bei uns ab. Ich sage ihm freudestrahlend: “Ihr braucht heute Abend kein Mathe mehr zu üben. Ich habe schon mit beiden gelernt.” Seine Reaktion: “Und wer war besser, meine oder deine Tochter?” … Was soll man da sagen? Da fällt mir nichts mehr ein. (Besser gesagt, mir fällt eine Menge ein, ich verbiete mir aber es aufzuschreiben!)
Ach und dann gab es auch noch eine Begegnung der dritten Art mit einer Kollegin. Wir hatten eine Feuerwehrübung. Alle Schüler sollten hinter eine Absperrung treten. Ich verwechselte die Kollegin mit einer Schülerin, zog sie leicht am Arm und sagte: “Kommt, geht bitte alle hinter die Absperrung!” Sie schrie mich an: “Behandeln Sie mich nicht wie ihr Dienstmädchen.” Ich kann nur verdattert denken, das mir das fern liegt. Eine Stunde später überlege ich, sei nicht beleidigt, gib dir einen Ruck, rede noch mal mit ihr. Ich gehe in der Pause auf sie zu: “Sagen Sie einmal Frau XY, können wir unseren kleinen Streit von vorhin nicht beilegen?” Sie fährt mich an: “Dann müssen Sie auch einen Schritt auf mich zugehen!” Mir fällt schon wieder nichts mehr ein. (Oder besser gesagt, siehe oben…)
Das war wohl nicht meine Woche. Ich wünsche mir nur noch heute abend früh in ein traumloses Koma zu fallen oder vielleicht doch besser antipädagogische Träume zu träumen?
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Alles Gewalt?
By claude | Oktober 31, 2007
Zwei Schüler raufen sich. Der eine hat den anderen im Schwitzkasten. Da geht man als Lehrer hin und sagt natürlich: “Lasst das mal schön bleiben! Das machen wir hier nicht. Keine Gewalt!” Ist das richtig? Diese Schüler sind bei uns im Ganztagsangebot bis um 16:00 Uhr untergebracht. Wann haben sie dann eigentlich überhaupt die Möglichkeit, sich körperlich zu messen? Ist es nicht viel besser, sie können wirklich miteinander raufen (eins gegen eins!) als wenn sie zu Hause alleine Ballerspiele am PC machen? Schreiten wir nicht zu schnell ein? Sind wir nicht selbst Opfer einer gutmeinenden Pädagogik? Keine Gewalt!
Wie segensreich entlastend hören sich da die Worte von Janusz Kortczak an, wenn er seinen Jungs im Heim die Maxime mit in den Kampf gab: “Nicht zuerst auf die Nase hauen! Das beendet den Kampf zu schnell! Das machen nur Proleten!” Jedoch sind solche Sätze für uns heutige wohlmeinende Pädagogen undenkbar! Und vor allem unlebbar!
Dagegen waren wir selbst doch auch keine Musterknaben. Zu meiner Schulzeit war es in der 9. Klasse Mode, Mitschülern im Vorbeigehen in den “Sack” zu hauen. Das mag man heute als latent homosexuell sehen, es war jedenfalls brutal und manchmal schmerzhaft, aber hat uns viel Spaß gemacht. In der 10. Klasse gab es dann eine andere Mode. Wir nannten es “abbauen”. Wenn vor uns eine Mitschüler mit seiner Schultasche ging (wir hatten bekanntlich noch keine Scouttaschen auf dem Rücken, jeder trug seine Tasche in der Hand!), dann musste man ihm überfallartig von hinten die Tasche aus der Hand treten. Auch das hat viel Spaß gemacht. Kein Mensch (und auch kein Lehrer) hat das bemerkt oder darüber auch nur ein Wort verloren. In der 11. Klasse wurde es dann üblich, sich nach einem abendlichen Kneipenbesuch vor unserer Schule (die wir im Herzen wirklich sehr liebten!) zu entleeren. Daran denke ich heute mit Peinlichkeit, aber ich ordne dies als entwicklungsbedingtes, episodenhaftes Verhalten ein.
Allerdings einmal lief es bei uns in der 10. Klasse anders. Wir spielten in der Pause, wenn die Lehrer zu spät kamen “Schlachten”. Ein Schüler, es war meist der Selbe, wurde aufs Lehrerpult gelegt und symbolisch “geschlachtet”. Zu meiner Entschuldigung kann ich sagen, dass ich dabei nicht mitmachte, aber immerhin zusah. Als dieser Schüler dann einmal krank war, sagte uns unser Klassenlehrer, dass es ihm mit uns gar nicht gut gehe und er sich sehr unwohl fühle. Mit dieser Ansprache war das “Schlachten” in unserer Klasse beendet. Der Schüler war von da an ein geachteter und beliebter Klassenkamerad. Und ich darf hinzufügen, er wurde ein guter Freund.
Vielleicht kommt es ja darauf an, ein Gespür zu entwickeln, wann wir als Lehrkräfte eingreifen und wann nicht, wenn sich Schüler raufen. Aber wir sollten nicht mechanisch reagieren. Wie sagt Hannah Arendt? “Was unter Kindern ist, das regeln sie selber!” Ihre Mutter protestierte nur, wenn die Lehrer judenfeindliche Bemerkungen äußerten. Wenn sich die Klassenkameraden von Hannah daneben benahmen, musste sie lernen, sich selbst zu wehren. Was Hannah Arendt bekanntlich gut hinbekam! Dennoch: Ich bin froh, dass unserer damaliger Lehrer uns wegen unseres Klassenkameraden ins Gebet nahm.
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Die Korrekturen
By Juergen | Oktober 20, 2007
Es ist wieder soweit. Zum Ferienbeginn hat man sich wieder einmal geschworen, sofort damit zu beginnen, die lästigen Stapel an Klassen- und Kursarbeiten abzuarbeiten. Einen Tag gönnt man sich noch zum Ausspannen, einen zweiten, um ins Kino zu gehen, schließlich einen dritten, um ein lange angefangenes Buch fertigzulesen, einen vierten, um den letzten schönen Oktobertag zu genießen, einen fünften, um Freunde zu besuchen, einen sechsten, um mal ungehemmt zu shoppen, und einen siebenten, um sich Ablenkung zu verschaffen von den Stapeln, die nun immer ungemütlicher werden. Das permanent schlechte Gewissen, unsere Berufskrankheit, muss verdrängt werden. Zerstreuung hilft.
Die zweite Ferienwoche beginnt, ohne dass man irgendeine Zeile der Arbeiten gelesen hat. Nun aber frisch ans Werk! Angefangen mit der unteren Klasse, die Aufsätze nerven zwar, nachdem man zum dreizehnten Mal die gleiche Erlebnisgeschichte gelesen hat, aber die Kleinen freuen sich schließlich über die Rückgabe der Arbeit direkt nach den Ferien. Nun aber erst mal einen Tag Pause, bevor man sich an die Oberstufenklausur wagt. Der Anfang ist immer das Schwerste. Und dann das übliche Gemetzel: Es muss ein Wust an Wortschwällen verstanden, weggestrichen, korrigiert, lesbar gemacht werden, um hernach dafür eine Note festzustellen, die das ganze Ausmaß der intellektuellen Irrfahrt nur schwer auf den Punkt zu bringen vermag. Der Beginn war eine rechte Qual. Als nächstes fische ich eine Arbeit heraus, von der ich annehme, dass sie verständlicher ausgefallen ist, allerdings um den Preis der Überlänge - 11 Seiten! Auch hier möchte man mindestens vier davon wegstreichen, unterlässt dies aber aus falsch verstandener Toleranz und Dankbarkeit gegenüber einer Schreibfähigkeit, die heute die Ausnahme darstellt. Und so entwickelt jede Arbeit ihre eigene Geschichte. Nach vier Klausuren muss ich eine Pause einlegen. Die Wiederkehr der immergleichen Phrasen ermüdet wie das Laufen in einem Hamsterrad, so dass ich Zerstreuung suche - im Internet. Nach der Durchsicht meiner Mails, die außer einem Schwall Spam nichts Wichtiges zutage fördert, erinnere ich mich an einen Lehrer-Blog, der ein Remedium darstellt - für meine Kollegen und mich. Denn hilft er nicht, uns Idealisten zu verstehen und die Schicksalsgemeinschaft der Pädagogen zu festigen? Zwar bleiben die restlichen Klausuren nun eine weitere Nacht liegen, aber fast zwei Tage bleiben noch, in denen ganz sicher geschwitzt wird, um die Korrekturen auf den letzten Drücker abzuschließen.
Am Montag in der Schule wird freilich folgendes Bild der Ferien eines Schulmeisters die Oberhand gewinnen: Während die Schüler zwei Wochen lang Sonne im Süden getankt und ansonsten keine Party ausgelassen haben, musste ich durchkorrigieren - gefühlte 200, tatsächliche 50 Arbeiten. Aber für 0,5 Prozent Gehaltserhöhung war auch beim besten Willen icht mehr drin. Doch im Ernst: Wie wäre es, statt zentraler Abiturstandards erst einmal akzeptable Rahmenbedingungen zu schaffen: keine G-8-Crash-Bildung, sondern Zeit für Schule und Freizeit; keine Ganztagsschule als Familienersatz, sondern vorherige Erziehungsarbeit im Elternhaus; keine Leistungskurse mit weit über 20 Schülern. Dann könnte ich auch die Ehrfurcht vor einem Stapel abbauen, der dann nicht mehr 25, sondern 15 Arbeiten umfasst - auch wenn dann nicht ausgeschlossen ist, dass die Korrektur wieder auf den letzten Drücker erfolgt.
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Alles Mobbing oder was?
By claude | September 18, 2007
Natürlich weiß ich, dass man vorsichtig mit vorschnellen Urteilen sein soll, a b e r ich bin eindeutig der Meinung, unsere lieben Kollegen und Kolleginnen sind in der Mehrheit zu schnell dabei, von Mobbing zu sprechen oder noch schlimmer, sich als Mobbing-Opfer zu betrachten.
Ein Kollege legt einem zur Information seinen Klassenarbeitsentwurf ins Fach: Ein klarer Fall von Mobbing. Er will mir damit zeigen, dass ich keine Klassenarbeit konzipieren kann. Eine Kollegin fragt mich nach dem, was ich in der abgebenen Klasse durchgenommen habe. Ein klarer Fall von Mobbing. Sie denkt nämlich: Nichts! Ein Klassenlehrer kommt während meines Unterrichts in das Klassenzimmer, um etwas ins Klassenbuch zu schreiben. Mobbing, weil Kontrolle! Und so weiter… Überall werden wir alle andauernd gemobbt, oder was?
Das haut nicht ganz hin, da man von Mobbing eigentlich erst aufgrund ganz harter Kriterien sprechen sollte. Der Begriff geht auf Konrad Lorenz zurück, der darunter das Zusammenrotten von Tieren gegen einen gemeinsam Feind verstand. Heute verstehen wir unter “Mobbing” Psychoterror am Arbeitsplatz. Dabei gehören zur Definition systematische Angriffe einer unterlegenen Person, dies oft und während einer längeren Zeit mit dem Ziel des Austoßes aus dem Arbeitsverhältnis. Es kommen dabei zusammen:
absichtsvolles schikanöses Handeln;
mindestestens einmal wöchentlich;
über wenigstens ein halbes Jahr.
Früher nahm man an, jeder könne ein Mobbing-Opfer werden. Heute sieht man dies aufgrund therapeutischer Erfahrung anders. Es gibt bestimmte Merkmale der Mobbing-Opfer. Gemein ist ihnen mangelndes Leistungsvermögen, charakterliche Auffälligkeit und soziale Anpassungsdefizite. Fragen Sie einen Therapeuten, der mit Mobbing-Opfern gearbeitet hat, oft wollen sie in ihrer Opferrolle bestätigt werden und nichts dazu beitragen aus dieser herauszukommen.
Beispiel: Ein Therapeut muss ein Mobbing-Opfer auf seine Warteliste setzen oder an einen Kollegen überweisen, da er keinen freien Platz mehr hat. Reaktion des Hilfesuchenden: “Einen Schuldigen findet man immer!” Wird ihm entgegengeschrien.
Gemoppte sind immer Opfer!
Die anderen sind immer schuldig!
Schon mal darüber nachgedacht, warum es keine Selbsthilfegruppen für Mobbing-Opfer gibt? Sie können nicht in Gruppen zusammenarbeiten!
Vielleicht werden sie jetzt fragen, was hat der sonst immer freundlich schreibende Claude gegen Mobbing-Opfer? Nichts, darf ich antworten! Oder besser: Ich habe viel für Hilfe von Mobbing-Opfern übrig, wenn sie sich helfen lassen wollen. Manchmal habe ich jedoch den Eindruck. Es wird sich auch ganz schön an der Rolle festgehalten. Die anderen sind mein Unglück, nicht ich selbst. Die anderen sollen mir helfen, nicht ich. Weiterhin habe ich einfach etwas gegen die inflationäre Benutzung von Begriffen, die die Kommunikation zerstören.
Wenn ich mit einem Kollegen einen Konflikt habe, handelt es sich nicht um Mobbing. Wenn ich jemanden kritisiere, handelt es sich nicht um Mobbing. Wenn ich schlecht gelaunt bin, handelt es sich nicht um Mobbing. Wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die Erwachsen sein wollen und Kinder unterrichten möchten, dann erwarte ich, dass sie zu kritischen Auseinandersetzungen in der Lage sind, ohne sich hinter Worthülsen zu verstecken. Amen
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Die Konferenz
By Juergen | August 29, 2007
Kein neues Schuljahr ohne Konferenz. Außenstehende - in dem Fall ehrlich Arbeitende - mögen dem Begriff “Konferenz” etwas Erhabenes beimessen, die Hochstapelei hingegen, die einer Schulkonferenz innewohnt, erahnen sie kaum. Jede Konferenz wird wegen enorm wichtiger Sachverhalte einberufen. Es geht eine Teilnehmerliste um, die verdeutlicht, dass Vollzähligkeit unabdingbar ist. Der Katalog der Tagesordnungspunkte liest sich wie der Einkaufszettel eines Menschen, der weit über seine Verhältnisse lebt, er hat etwas von Völlerei. Die Luft im Konferenzraum ist stickig. Die Konferenz findet in der Regel zu einem Zeitpunkt statt, da der Lehrer erschöpft eine Siesta ersehnt und nun den inneren Schweinehund bekämpfen muss, der gegen die durchschnittlich neun Tagesordnungspunkte - ohne “Verschiedenes” - zu Felde zieht. Mag es auch den Großteil der Ferien über durchgeregnet haben - am Tag der Konferenz ist es warm, schwülwarm. Kurz: Es herrscht Reizklima. Kaiserwetter für die Protagonisten, denn eine Konferenz ist die Hochzeit der Wichtigtuer. Lehrer, die ihre besondere Stellung und Bezahlung durch Taten legitimieren müssen, bringen sich in Position und schwadronieren über die Problematik des Tafelanschriebs von Fünftklässlern, man fordert die lückenlose Protokollierung von Elterngesprächen auf speziell dafür angefertigten Formblättern an, die die Frage aufwerfen, ob nun die Stasi oder die rigiden chinesischen Behörden Pate gestanden haben. Denn China steht zur Zeit hoch im Kurs, manche Schulen rufen Austauschprogramme ins Leben, die dazu dienen, den phlegmatischen Deutschen die enorme Schaffenskraft der Menschen im Reich der Mitte näherzubringen. Da kann es schon passieren, dass man sich auch etwas vom effizienten Gebaren der dortigen Obrigkeit abschaut: Von China lernen heißt Siegen lernen! Dass gerade auch altsprachliche Gymnasien auf diesen Zug aufspringen, lässt neue Forschungen vermuten: Stammt auch das Chinesische vom Lateinischen oder Griechischen ab? Ist der Humanismus nicht eigentlich eine Errungenschaft aus Fernost? Wir warten gespannt auf die Antworten.
Unterdessen nimmt die Konferenz an Fahrt auf. Nicht enden wollende Molologe der Wortführer, deren Redundanz minütlich zunimmt, kunden von der akribischen Vorbereitung der Funktionäre. Mich tröstet, dass die Zuhörer Fidel Castros mitunter vier bis fünf Stunden währende Reden des Máximo Líder anhören müssen, auch wenn die Kleidung hoher schulischer Würdenträger in deutschen Kollegien heutzutage an Regionen erinnert, die von Kleiderspenden aus den Industriestaaten profitieren. Mir kommt der subversive Gedanke, dass die Länder viel Geld mit der Streichung von Funktionsstellen sparen und Schule dadurch effizienter machen könnten. Brauche ich Funktionäre, die mir sagen, dass Fünftklässler Probleme damit haben, fehlerfrei von der Tafel abzuschreiben? Die mir den Nachmittag rauben, um mir zu sagen, wie ich meine Schüler begrüßen soll? Die letztlich nichts anderes tun, als ihre besondere Stellung in Art und Weise einer Karikatur zu rechtfertigen? Schule ist, wenn man trotzdem lacht, auch wenn in der Konferenz verschwiegen wurde, ob das erwünscht, erlaubt oder verboten ist.
Vielleicht müssen wir solcherlei Konferenzen in einen größeren Zusammenhang einbetten, wie es bei Borges in “Der Kongreß” getan wird: “Vier Jahre hat es gebraucht, bis ich verstand, was ich Ihnen jetzt sage. Das Unternehmen, auf das wir uns eingelassen haben, ist so ungeheuer, daß es - jetzt weiß ich es - die gesamte Welt umfaßt. Es besteht nicht aus ein paar Schwätzern, die in den Schuppen einer entlegenen Estancia vor sich hin dösen. Der Weltkongreß hat mit dem ersten Augenblick der Welt begonnen und wird weitergehen, wenn wir zu Staub geworden sind. Es gibt keinen Ort, an dem er nicht ist.” Meinte Borges wirklich keinen?
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Rauschen und Rauschen
By claude | August 28, 2007
Noch eine Urlaubsreminiszenz. Meine Frau liebt das ferne Meeresrauschen, das man von der Ferienwohnung aus hören kann. Ich denke, was unterscheidet dieses Rauschen - rein akustisch - von dem viel verfluchten Rauschen der viel befahrenen Bundesstraße in unserer Nähe daheim? Das ist doch das gleiche (oder gar dasselbe?) Geräusch, denke ich und behalte diesen Gedanken lieber für mich, um die Urlaubsstimmung nicht zu stören.
Ist das nun wieder eine konstruktivistische Erfahrung? Siehst du, die Einstellung macht alles! Oder ist das Realismus? Schließlich ist doch das Meer der Geräuschverursacher, es erzeugt das gute Gefühl, das wir mit seinem Rauschen verbinden! Und schließlich sind doch auch die Autos die anderen Geräuschverursacher, sie machen das schlechte Gefühl, das wir mit ihrem Rauschen verbinden! Oder, noch realistischer betrachtet: Es lassen sich mit den Geräuschen gute oder schlechte Gefühle verbinden und unterscheiden, weil sie Begleiterscheinungen haben, nämlich je nach dem, frische oder stickige Luft.
Ich sag mal, ein klarer Sieg für den Realismus über den Konstruktivismus!
Aber, wie ist das in der Schule? Dort haben wir mitunter auch einen gewissen Geräuschpegel. Bei uns ist der jetzt dank neu verlegtem Linoleum statt altem, schmuddeligen Teppichboden selbst im Lehrerzimmer recht hoch. Wie nehme ich den Lärm im Lehrerzimmer im Unterschied zum Lärm im Klassenzimmer wahr? Einstellungsbedingt, konstruktivistisch sehr unterschiedlich. Der Lärm des Lehrerzimmers, zu dem ich selbst durch lautes Gerede und mitunter Gelache beitrage, stört mich weit weniger, ja, ich merke ihn erst, wenn ich darauf aufmerksam gemacht werde, als der Lärm im Klassenraum. Ich vermute, euch, geneigte Leserinnen und geneigte Leser, geht es wahrscheinlich kaum anders. Grund? Den einen Lärm erzeuge ich mit, für den anderen Lärm bin ich verantwortlich. Diese doppelte Wahrnehmung beinhaltet nun eventuell eine entlastende Botschaft: Wenn ich mich nicht so sehr durch den Lärm gestört fühle, den ich selbst erzeuge, wie durch den, für den ich verantwortlich bin, dann geht es meinen Schülern wahrscheinlich genau so. Das bedeutet nämlich, der Lärm der Schüler ist ihr Lärm. Er gehört ihnen. Sie merken ihn gar nicht. Er ist nicht gegen mich gerichtet. Das heißt, wenn ich ihn auch nicht merke und einfach mittue anstatt entgegen, dann brauche ich mich gar nicht schlecht zu fühlen. Das ist doch toll und ganz und gar ein Sieg des Konstruktivismus! Oder?